Ausgabe 4/05
Ein Traum wird wahr:
Wir freuen uns, dass wir endlich den Krieg gewonnen haben, um 11.04.1945. Wir freuen uns, dass wir nach Hause gehen können.
Von Tom Wolf
Im kalten November 2004 fuhr das Ohrenkuss-Team nach Weimar, um die KZ-Gedenkstätte Buchenwald zu besuchen. Zwei Autorinnen und einen Autor mit dem Down-Syndrom nach Buchenwald zu begleiten und zu sehen, wie sie sich dem Ort geistig nähern, das war ein gewagtes Unternehmen. Veronika Hammel, Carina Kühne und Julian Göpel, die für das Magazin schreiben, hatten sich bereits mit der NS-Geschichte befasst, waren etwa in Nürnberg auf dem ehemaligen Parteitagsgelände gewesen, hatten den Film "Der Untergang" gesehen und von ihren Eltern über die Hitlerzeit erzählt bekommen. Sie waren interessiert und neugierig auf das, was sie sehen und erleben würden. Auch ein mitreisender Journalist eines großen Magazins war gespannt. Carina Kühne diktierte: "Wir haben heute teils böse Sachen gesehen und teils gute Sachen gesehen. Die Bäume wie die so schön aussehen wie hier habe ich noch nie gesehen, dass die so hoch sind und dann die Sonne so schön scheint. Das war aufregend durch die Rampe zu gehen, interessant auf den Schienen lang balancieren, traurig wenn die da lang gehen mussten. Da würde ich mich nicht wohlfühlen. Mir würde es leid tun für die anderen. Wie es jetzt aussieht, kann man sich das gar nicht mehr vorstellen." Die Besucher standen an der Rampe und schrieben. Katja de Bragança hatte ihnen die literarische Aufgabe gestellt, sich in die einstigen Beteiligten einzufühlen, wahlweise in die Häftlinge oder die SS-Leute.
Julian Göpel diktierte: “Das war so schrecklich / Da kann man sich vor Kälte so überhaupt nicht schützen / Ich kann überhaupt nicht sitzen / Ich werde auch so krank werden, wie die anderen”.
Veronika Hammel diktierte: “Muss ein schreckliches Gefühl hier sein, hier auszusteigen / Und dass sie gezwungen worden sind ins Lager zu gehen / Und dass sie die immer geschlagen haben / Und dass sie wenig gekriegt haben zum essen und zum trinken.”
Perspektivwechsel: Opfer und Täter
Katja de Bragança war sich immer sicher, dass die KollegInnen die schwierige Situation meistern würden: “Wir wissen niemals vorher, wie die Aktion wird, aber eines ist gewiss: Es wird gut. Oft auch gänzlich anders als erwartet. Diese so wichtige Reise haben wir sehr lange vorbereitet. Wir haben uns ganz bewusst einen Ort gesucht, an dem Menschen nicht ausgesondert und ermordet wurden wegen ihrer Behinderung – wir haben einen Ort gewählt, an dem die Menschen gezwungen wurden zu arbeiten. Das kann sich jeder vorstellen, auch Julian Göpel, der seinen Beruf als Hausmeister sehr gerne ausübt.“
Für Julian Göpel bedeutet Identifikation, dass er in seinen Texten ganz in die Perspektive der Häftlinge schlüpft. Das liest sich wie eine Erzählung tatsächlichen Geschehens: “Ich wurde gezwungen zum Steinbruch zum arbeiten. Mit einem Wagen, das waren viele Steine drin und ich muss die Straße bauen. Danach werde ich bestimmt getötet von der SS, mit Gewehren. Ich würde danach verbrannt und dann sehe ich nur noch meine Knochen.”
Doch er kann sich auch die andere Seite vorstellen.
“Ich habe ein sehr gutes Gefühl gehabt, dass ich nicht so viel arbeiten muss als SS-Mann”, diktierte er etwa, und: “Ich habe die Frauen eingeteilt, die in Außengelände arbeiten mussten in den Haushalt. Und wenn die auch nicht gehört haben auf meine Befehle und auf meinen General, dann habe ich die alle getötet. Ich habe mein eigenes Gewehr gehabt. Ich stehe draußen mit meinem Gewehr, wenn die Frau rausgeht, dann habe ich die erschossen. Später musste ich auch noch die Leute verbrennen und die musste ich in einen Grab reinlegen mit den Knochen.”
Pia Frohwein, die pädagogische Begleiterin von der Gedenkstätte Buchenwald, musste immer wieder die Frage beantworten, ob die Wachen zu ihrem Tun gezwungen waren - “mussten” die SS-Leute schlagen und töten? Es bleibt auch den “Ohrenkuss”-Berichterstattern unbegreiflich, warum sie es taten.
Carina Kühne diktierte: “Ich kann mir auch kaum vorstellen, warum sie die das gemacht haben. Was für einen Grund, das frage ich mich. Ich denke diejenigen, die das gemacht haben, die wollten das unbedingt. Und diejenigen, die da verbrannt sind, die wollten das nicht.”
Kraft und Mut, um hinzuschauen
Katja de Bragança hat sich lange überlegt, ob ein solcher Ort “zumutbar” sei – einige Menschen hatten vorher diese Sorge geäußert. “Meine KollegInnen haben das Down-Syndrom, das bedeutet, dass sie vielleicht manches langsamer erfassen, es bedeutet aber nicht, dass sie automatisch unpolitisch sind. Umgekehrt ist es ja auch so, dass sich nicht jeder ohne Down-Syndrom auch für alles interessiert . Außerdem kann man die Atmosphäre des Ortes, der vergangenen Ereignis, auch ohne viele Worte und Fotos aufnehmen, das ist eine Stärke meiner KollegInnen – und das gelingt besonders gut in der Gedenkstätte Buchenwald, dieser Ort wird mit großer Achtsamkeit erhalten, hier kann man auch Dinge erleben, ohne ein einziges Wort lesen zu müssen. Meine KollegInnen hatten jedoch das Glück, viele Fragen stellen zu können, sie haben stundenlang durchgehalten, da konnten wir anderen uns kaum noch auf den Füßen halten, es war oft sehr kalt. Das Besondere sind jedoch die Texte, die sie unmittelbar geschrieben haben – das zeugt von einer großen inneren Stärke und Klarheit, das könnte ich so nicht. Das zu erleben hat mir und den anderen Begleitern viel Kraft gegeben. Man braucht Unterstützung, wenn man diese Orte betritt, auch wenn das Wetter schön ist. Man braucht viel Mut und innere Stärke, um diese Fotos mit Aufmerksamkeit (an)sehen zu können.”
Sie gingen in Buchenwalds bösestes Gebäude, das Krematorium. Da gibt es einen Raum mit einem schrecklichen Sektionstisch. Sie standen vor den Öfen und vor den Haken im Keller, an denen aufgehängte Häftlinge erstickten. Veronika Hammel, Carina Kühne und Julian Göpel hätten sich das riesig vergrößerte Foto von dem Leichenberg nicht ansehen müssen. Doch sie haben es sich lange betrachtet.
Veronika Hammel diktierte: “War schon ein komische Gefühl sich das Böse anzuschauen und sich das Bild anzugucken, wo sie aufgestapelt waren / Und wo die da mit dem Ofen verbrannt geworden sind / Das war ein komisches Gefühl.”
Carina Kühne diktierte: %ldquo;Meine Mutter hat erzählt, dass der Hitler die Leute mit Down-Syndrom nicht wollte. Ich denke mal, wenn die auch tot waren, haben sie die auch rein gesteckt ins Krematorium oder links liegen gelassen.”
Der begleitende Journalist hatte vieles Unglaubliche gesehen: dass Menschen mit Trisomie 21 nicht nur zwischen Gut und Böse, zwischen Tätern und Opfern unterscheiden und sich in die Rolle der Häftlinge und der SS-Leute einfühlen konnten, sondern dass sie der Trauer fähig waren angesichts eines Verbrechens, das ihnen nur noch in Erzählungen, Fotos, Gegenständen und Orten entgegentrat.
Doch der Bericht, den er schrieb, wurde nicht gedruckt. Angeblich sahen die RedaktionskollegInnen, die er um Rat fragte, in den Texten von Veronika Hammel, Carina Kühne und Julian Göpel keine ernstzunehmende geistige Leistung. In den Texten Julian Göpels etwa vermissten sie eine Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern. Für jeden, der literarische Texte liest, muss diese Aussage seltsam klingen, denn bereits die wechselweise Identifizierung mit Häftlingen oder SS setzt eine immense Kopfarbeit voraus.
Veronika Hammel diktierte: “Ich finde das gut, dass einige Leute versteckt gehalten worden sind, dass sie nicht getötet worden sind von dem Hitler. Ich hätte mich nicht getraut jemanden versteckt zu halten. Ich hätte den Mut nicht gehabt.”
Viele andere vor ihr, ohne Handicap, hatten den Mut nicht, sich das einzugestehen.
Ein Dankgebet
Mit einer rituellen Handlung verabschiedeten sich die Buchenwaldbesucher von dem Ort. An der “heiligen Stelle” des “Aschegrabes”, wo die Asche tausender Häftlinge verscharrt worden war, verlasen sie zum Abschied selbstgeschriebene Gebete. Dass Julian Göpel in seinem Text den einst in den Außenkommandos von Buchenwald arbeitenden und getöteten Häftlingen Frieden gab, ließ keinen Zweifel daran, dass er, als Hausmeister in einer verantwortungsvollen Position arbeitend, diesen Ort durchaus begriffen und auch das Rollenspiel – SS-Mann oder Häftling – als solches aufgefasst und hinter sich gelassen hatte: “Ich bedanke mich da drüber das die viele Arbeit geleistet haben. Ich bedanke mich da drüber dass endlich der Krieg zu ende geht. Und ich gebe ihnen Frieden.”
Menschen mit “gesundem Menschenverstand”, sei's in Redaktionen, sei's in pädagogischen Einrichtungen, sprechen außergewöhnlichen Menschen mit geistigem Handicap leider noch immer das Recht ab, sich ohne Erlaubnis einer höheren Instanz und gesamtgeistiger Chefredaktion mit heiklen Dingen zu beschäftigen. Tun sie es dennoch, wie nun in Buchenwald, wird das Ergebnis in Zweifel gezogen. Kann nicht sein, was nicht sein darf? Ist die Buchenwald-Erfahrung in diesen Texten etwa nicht packend und nachvollziehbar formuliert? Viele haben es verlernt, genau zuzuhören und hinzuschauen. Auch ist es viel einfacher, mit einer Sache nichts zu tun haben zu wollen. Man müsste sonst beginnen umzudenken.
Der “Ohrenkuss” arbeitet gegen die festgefahrenen Denkmuster an, und zwar mit wachsendem Erfolg. Offenheit für alles und Mut zur Provokation sind notwendige Bausteine dieses Erfolges.
Tom Wolf ist Schriftsteller, er lebt und arbeitet in Berlin.