Presse

Die Tagespost

Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur

05.08.2004

Wo der Mensch zählt, verblassen Vorurteile

Im Magazin “Ohrenkuss” zeigen junge Erwachsene mit Down-Syndrom ihr Können

Von Maria Elisabeth Grundner

Woran erkennt man einen Menschen mit Down-Syndrom? Er ist klein, hat ein rundes Gesicht und mandelförmige Augen – er ist behindert. Viele haben das “typische” Erscheinungsbild sofort parat. Die Wissenschaft liefert die nüchternen Fakten dazu: Beim Down-Syndrom handelt es sich um eine Form angeborener Behinderung, die durch einen Fehler bei der Zellteilung verursacht wird. Das 21. Chromosom ist dreifach vorhanden – deshalb auch “Trisomie 21” genannt. Neben den charakteristischen äußeren Merkmalen kommen unter anderem eine Verzögerung der motorischen Entwicklung und eine variabel ausgeprägte Intelligenzminderung hinzu. – Der Mensch steht hier nicht mehr im Vordergrund, sondern ein vorgefertigtes Schema. Ich sehe gar nichts, so wie Andrea Baltzer würde wohl kaum jemand auf die Frage, woran Menschen mit Down-Syndrom zu erkennen sind, antworten. Die junge Frau wurde mit “Trisomie 21” geboren. Sie macht jedoch keinen Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen. Andrea stellt einen Gegenpol zu den Menschen dar, die vorschnell urteilen und dadurch Barrieren schaffen, die nur schwer überwunden werden können. Oft ist das der erste Schritt zur Ausgrenzung. Ihr Sohn wird nicht einmal in der Lage sein, das Wort WC zu lesen. – diese Worte eines Frauenarztes an die werdenden Eltern eines Down-Syndrom-Kindes waren für die Bonner Humangenetikerin Katja de Braganca ein Anstoß, ein ungewöhnliches Projekt ins Leben zu rufen. “Ohrenkuss ... da rein da raus”, so einzigartig wie der Titel selbst ist ein Magazin, in dem fast alle Texte von Menschen mit Down-Syndrom erstellt werden. Entweder selbst geschrieben, getippt, in den Computer eingegeben oder auch diktiert. Es gibt keine inhaltliche Zensur. Grammatikfehler bleiben unkorrigiert. Die Zeitschrift will die Realität abbilden ohne sie zu normen. Wie erleben Menschen mit Down-Syndrom die Welt und wie sieht die Welt Menschen mit Down-Syndrom? Meine Welt ist meine Heimat – Tiere kommen Amerika – Afrika auch – Aus Dschungelbuch – Elefant, eine Schlange, ein Mogli – Kolumbien. Der Pflanze kommt aus Rosenteich – Papagei, Känguru, die Wespe, die Biene und Honig. Gott hat geschenkt – Geschenkt hat die Welt – Abendrot in der Nacht. Karoline Spielberg, die Verfasserin dieser Zeilen, macht das Unmögliche möglich. Laut wissenschaftlichen Erkenntnissen dürfte Karoline weder schreiben noch lesen können und doch kann sie es. Eine Ausnahme? Nein, Karoline ist nur eine von vielen, die den Gegenbeweis zu diesem wissenschaftlichen Vorurteil antreten. Zehn Redakteure und rund vierzig Aussenkorrespondenten bilden das Ohrenkuss-Team. Unterstützt werden sie unter anderem von Katja de Braganca, der Projektleiterin und Susanne Ritz, der Redaktionsassistentin. Jeder hat hier seine Aufgabe. Erinnert vieles an eine typische Zeitungsredaktion: stapelweise Recherchematerial, Zeitschriften, Bücher, Papier, Entwürfe, herrscht in der Ohrenkuss-Redaktion doch ein anderes Klima. Keiner nimmt ein Blatt vor den Mund. Jeder sagt, was er denkt. Natürlich kommt es dadurch oft zu Meinungsverschiedenheiten. Doch das Miteinander steht über dem Bedürfnis jedes Einzelnen, seinen Willen durchzusetzen. Es ist der Spaß an der Arbeit und die Freude am gemeinsamen Schaffen, die deutlich zu spüren sind. Die Chance, die sich bietet, bleibt nicht ungenützt. Waren anfangs nur vier Ausgaben geplant, sind es mittlerweile schon dreizehn. Die Themen sind dabei sehr unterschiedlich. Sie reichen von Musik bis Liebe. Die Autoren tragen ihre Gedanken zusammen. Einige sind dabei durchaus kritisch. Wie beispielsweise Judith Klier, auch sie wurde mit Down-Syndrom geboren. In der Ausgabe “Tiere” schreibt sie: Pelzmäntel sind zwar schön – aber mir gefählt nicht – wiel es zu schade ist das man Tiere auszustopfen muss – das ist nicht okay aber wenn man öfter bei den Geschäft sieht sind sehr schön – aber ich trage nicht. Die Resonanz bei den Lesern ist sehr positiv. Entstand das Projekt 1998 noch mit Unterstützung der Volkswagenstiftung, trägt sich das Magazin heute sogar ohne Zuschüsse. Rund 2000 Abonnenten beziehen das zweimal im Jahr erscheinende Heft. Besonders Eltern mit Down-Syndrom Kindern sind begeistert. Für sie ist es nicht nur ein nette Unterhaltung, sondern ein Hoffnungschimmer. Es gibt ihnen Kraft zu sehen, was aus ihren Kindern werden kann. Eine Mutter schreibt an die Redaktion: Meine Tochter ist zwölf Jahre alt und hat auch das Down-Syndrom. Ich hoffe, dass sie auch irgendwann einmal Eure Zeitung selbst lesen kann. So bietet das Magazin zum einen Menschen mit Down-Syndrom die Gelegenheit, ihr Können unter Beweis zu stellen, zum anderen macht es anderen Mut.