Presse

Sonntagsblatt Bayern

Ausgabe 8 vom 20. Februar 2005

“Mit anderen Augen”

Seit sechs Jahren machen Menschen mit Down-Syndrom eine Zeitschrift

Von Mathias Kröselberg

Redaktionskonferenz beim Ohrenkuss: Zwölf Redakteure, alles Menschen mit Down-Syndrom, sitzen in einem Bonner Büro. Sie sammeln Themen und spinnen Ideen. Recherche-Material wird gesammelt für eine neue Ausgabe zum Thema “Gut und Böse”.

Kontakte zur örtlichen Polizei werden geknüpft, um einen Beitrag zur Schießausbildung vorzubereiten. Eine Fahrt nach Weimar und zur KZ-Gedenkstätte Buchenwald haben die Schreiber schon hinter sich. Sie wollen das Thema in vielen Facetten darstellen.

“Was wir hier machen, ist wahrscheinlich weltweit einzigartig”, sagt die Bonner Humangenetikerin Katja de Bragança, Herausgeberin und Redaktionsleiterin des Ohrenkuss. Vor sechs Jahren rief sie ein Projekt ins Leben, das viele Wissenschaftler und Mediziner für ausgeschlossen hielten: ein Magazin mit Texten, geschrieben von Menschen mit Down-Syndrom. Hartnäckig hatte sich jahrzehntelang das Vorurteil gehalten, Menschen mit dieser Behinderung könnten weder lesen noch schreiben lernen. Weit gefehlt – das beweist die Redaktion zwei Mal im Jahr schwarz auf weiß.

Redakteure, die nicht schreiben können, diktieren ehrenamtlichen Assistenten ihre Beiträge. Einige Redaktionsmitglieder geben ihre Texte auch selbst in den Computer ein. Die Grundregel ist: Es wird nichts redigiert oder korrigiert, alles wird unbearbeitet veröffentlicht.

Die Idee für das außergewöhnliche Magazin kam de Bragança 1987 während einer Tagung in der spanischen Hauptstadt Madrid. Ein Referent hatte eine Folie mit einem Text von einem Jungen mit Down-Syndrom aufgelegt. “Was mich begeistert hat, ist dieser witzige Schreibstil”, erinnert sich die Wissenschaftlerin. Während ihrer Doktorarbeit stieß sie dann immer wieder auf Eltern, die stolz Geschriebenes von ihrem “Downie-Kind” vorzeigten. Weil eine eigene Zeitung am besten die Realität abbilden kann, entstand das Projekt Ohrenkuss.

“Ganz am Anfang haben wir einen Aushang gemacht”, erinnert sich de Bragança. So fanden Mitglieder einer Freizeitgruppe geistig behinderter Menschen mit Schülern in der integrativen Gruppe einer Bonner Gesamtschule zusammen. “Ich bin empfohlen worden, weil ich einen Hang zu Gedichten habe”, sagt Svenja Giesler. Die Berufsschülerin erzählt, dass das Schreiben wichtig für sie ist. Dass sie sich “gerne Gedichte und Storys” ausdenkt und die Arbeit bei Ohrenkuss voll cool findet.

Das Projekt hat den Redakteuren die Tür zu einer Welt geöffnet, die ihnen bis dahin verschlossen war. Sie haben viel erreicht und erlebt: Lesetourneen, Fernsehauftritte, Besuche in Kinos, Museen und Restaurants. Dabei lernen sie viele Dinge, die für Nicht-Behinderte eine Selbstverständlichkeit sind. Etwa bei Dienstreisen den richtigen Zug und das dazugehörige Gleis zu finden. Selbst “Wagenstandsanzeiger” auf Bahnhöfen können einige der Redaktionsmitglieder inzwischen lesen.

Über fast alles hat Ohrenkuss schon einmal berichtet: über Liebe, Musik, über Essen und Trinken, Sport und Mode. Die Themen sind so vielfältig wie das Leben selbst. Katja de Bragança empfindet die Redaktionsarbeit als Privileg: “Menschen mit Down-Syndrom sehen die Welt mit anderen Augen, diese Sicht ist eine echte Bereicherung.” Das sehen die Redakteure ähnlich. Fragt man Svenja Giesler, wie sie sich als Autorin fühlt, sagt sie: “Einfach nur frei.”