Presse

Schnüss - Das Bonner Stadtmagazin

Ausgabe Januar 2009

Kuss!

Von Gitta List

Erfreulich? Dieses Jahr? Hm... Doch! Erfreulich sind zauberhafte Augenblicke, die einen unverhofft aus dem Alltag beurlauben. Manche solcher Augenblickszauber verdanke ich den Halsbandsittichen (oder sind es Grünsittiche?), die hier in Bonn hausen. Sie stieben durch Parkbaumkronen, wenn man es gerade nicht erwartet, machen, was sie wollen, dazu ein unbändiges Geschrei und sind in ihrer kreischenden Wildheit so lustig wie das Gras grün. Wenn ich das Glück habe, ihnen zu begegnen, kann mich das sekundenlang mit der Welt versöhnen - und das ist, finde ich, verdammt viel. Wo doch hinter der nächsten Ecke schon wieder eine Taube lauern kann...

Aber wie schreibt Wiglaf Droste so treffend: »Es gilt, in dieser Welt voll Mist:/ Dummheit hadert, Weisheit küsst.« Gedichtet hat er diese Zeilen übrigens für die Ohrenkuss-Redaktion, die in diesem Jahr - doch, es gibt auch noch Gutes zu vermelden! - stolz ihr zehnjähriges Bestehen feiert. Zehn Jahre Ohrenkuss, das bedeutet: zwanzig spannende Magazine zu Themen wie »Essen«, »Arbeit«, »In der Nacht«, »Luxus«... oder »Jenseits von Gut und Böse«. Für letztgenanntes Themenheft lieferte Ohrenkusslerin Angela Fritzen folgenden faszinierenden Beitrag: »Wenn ich als Täterin erwischt werde, als Bankräuberin würde ich den Waffen dann nehmen und die Maske vor mein Gesicht tun. Und ich werde die anderen Leute fragen, ich habe den Sack und möchte bitte mein Geld. Und danach verschwinde ich. Woanders hin.(...)«
Das ist ohne jeden Zweifel der schönste Bankraubtraumtext, den ich je gelesen habe. Die Ohrenkuss-Autoren haben übrigens allesamt eine Trisomie 21, auch Down Syndrom genannt. Ob sie die Welt deswegen anders wahrnehmen als «Normalchromosomierte»? Vielleicht. Wenn ich mir Frau Fritzens Einlassung so durch den Kopf gehen lasse - vielleicht klarer? Wie dem auch sei, Down-Syndrom-Menschen müssen es sich leider oft gefallen lassen, dass man ihnen als «Defekten» unsicher, unverschämt, abweisend, reserviert oder bestenfalls mit freundlicher Herablassung begegnet. Dass dazu nicht die geringste Veranlassung besteht, belegen die zwanzig Magazinausgaben eindrucksvoll. Ohrenkuss ist aber nicht nur Gemüse für Gehirn und Herz, sondern stets auch ein Augenschmaus; erstklassige Fotos und ein ebensolches Layout haben dem Bonner Projekt 2007 den bronzenen New Yorker Astrid Award für gutes Design eingebracht - zu Recht.
Das Jubiläum war für Chefredakteurin und Gründerin Katja de Bragança nun Anlass, zusammen mit Bärbel Peschka (Textredaktion) eine vielseitige Zehn-Jahres-Rückschau in Buchform herauszugeben: Das Wörterbuch Ohrenkuss. Darin stehen unter Schlagworten von A wie Abenteuerliebe über L wie Luxusalltag und T wie Titanic bis Z wie Zeit lauter kluge, witzige, überraschende, berührende Beiträge versammelt: zum Leben, Lieben, zu Freud und Leid, zu Gott und der Welt eben. Jeder Textseite steht eine Bildseite gegenüber, auf der die Ohrenkuss-Autorinnen und Autoren portraitiert sind; einfühlsame, schöne Aufnahmen namhafter Fotografen, die ihre Kunst dazu verwendet haben, Wesentliches sichtbar zu machen.

Was Katja de Bragança vor zehn Jahren ins Leben gerufen hat, ist keine bemühte Charity-Show, sondern eine »kreative Bühne« (Marco Weber) für Menschen, die anders sind als andere, anders als die Mehrzahl der anderen. Meinen privaten Nobelpreis hat sie dafür jetzt schon, einen offiziellen hätte sie verdient. Wir sind noch immer nicht soweit, «Anderen» mit Respekt und Empathie zu begegnen. Oder sind wir es (schon wieder) nicht mehr? Marco Weber, PR-Mann für die O-Küsse, schreibt in seinem Nachwort: »Durch die pränatale Diagnostik kommen immer weniger Babys mit einer Trisomie 21 auf die Welt. Dahinter stecken viele Ängste, gerade bei den Müttern.« Im Klartext bedeutet das: pränatale Aussonderung, gestützt und womöglich empfohlen durch einen medizinischen Befund - der im Übrigen mitnichten darüber Auskunft geben kann, welche Chancen auf ein schönes Leben diese «defekte Frucht» hat. Wie beängstigend. Wie beschämend.
Es braucht Mut, ein Down-Syndrom-Baby zu haben, sicher. Das hat weniger mit dem Baby zu tun (das zu haben es immer Mut braucht) als mit dem Zustand der Gesellschaft, in die es geboren wird. Es braucht Mut, als Down-Syndromer in dieser Gesellschaft zu leben. Es braucht auch Mut, an diesem Zustand etwas zu ändern. So möchte ich Frau de Bragança und allen Ohrenkuss-Autoren und allen Ohrenkuss-Mitstreitern hiermit zu ihrer Courage, ihrer Leidenschaft, ihrer Kunst, ihrer Zähigkeit sowie zum Zehnjährigen herzlich gratulieren. Wünsche ein phantastisches Neues Jahr und noch zehn mal zehn obendrauf!