Presse

OUTPUT Ausgabe vom 29.03.2005

Von Amrei Pilger

“Ein Ohrenkuss mitten ins Herz“

In Bonn-Friesdorf tagt alle zwei Wochen die Redaktion einer ganz besonderen Zeitschrift: Ohrenkuss. Alle zwölf Redakteure haben das Down-Syndrom, ein ganz großes Schreibtalent, extrem viel Spaß bei ihrer Arbeit und ganz nebenbei pfeifen sie auf Rechtschreibung und Grammatik.

“Mama, was ist das, Ohrenkuss? Heißt das nicht Mohrenkuss? Ach ne, Negerkuss...”.
Ein Ohrenkuss ist definitiv kein Negerkuss, hat aber etwas mit ihm gemeinsam. Ein Negerkuss ist klebrig und süss. Ein Ohrenkuss ist etwas, dass nicht zum einen Ohr rein und zum andern wieder rausgeht, sondern im Kopf “kleben“ bleibt, weil er so schmackhaft ist.
Vor allem ist “Ohrenkuss” aber ein faszinierendes Projekt: Eine Zeitschrift, die von zwölf Bonner Redakteuren mit Down-Syndrom unter Leitung der Humangenetikerin Katja de Bragança herausgegeben wird.

Diese 13 Personen treffen sich alle zwei Wochen zu einer Redaktionssitzung und basteln am Ohrenkuss. Der Name entstand bei einem der ersten Treffen: Ein Redakteur drehte sich spontan zu Katja de Bragança und drückte ihr einen Kuss aufs Ohr. Damit war der Name geboren und die Bedeutung wurde dazu erfunden.
Die Idee zu dem Magazin entstand schon 1987, als Frau de Bragança sich der Frage widmete, ob Menschen mit Down-Syndrom lesen und schreiben können. Sie war dabei mit zahlreichen Vorurteilen – auch seitens der Wissenschaft – konfrontiert, denn kaum jemand glaubte an die Fähigkeiten von Menschen mit einer Trisomie 21. Dabei “haben sie lediglich Lernschwierigkeiten, aber mit Schreibtalent hat das nichts zu tun”. Daher startete sie das Magazin, ursprünglich als wissenschaftliches Forschungsprojekt, mit vier Redakteuren – und war von dem Ergebnis begeistert, genau wie alle anderen Beteiligten. “Die größte Stärke der Redakteure ist ihr schonungsloser Blick auf die Welt und die Fähigkeit, Dinge mit wenigen Worten auf den Punkt zu bringen”, so einer der Redakteure. Es “treffen manche Texte ins Herz wie ein Gedicht”. Einer der Autoren schrieb einmal: Ein Reh ist eine Seele mit vier Beinen. Hier kommt das Schreibtalent zum Tragen, und de Bragança stellt befriedigt fest: “Natürlich stelle ich Ansprüche an die Autoren. Es reicht nicht, dass unsere Redakteure das Down-Syndrom haben, sie müssen ihren Job schon richtig gut machen”.
So ist das Hauptziel des Projektes, Aufklärungsarbeit zu leisten und über das Down-Syndrom zu informieren – mit einem Projekt, das "wissenschaftlich fundiert und trotzdem total cool ist". Denn, so Katja de Bragança, die meisten anderen Publikationen von Behindertenverbänden betrieben eine Art Opferpolitik und “kämen alle auf die Mitleidstour”, doch so diskriminiere man sich nur selbst. Der Ohrenkuss dagegen informiert und zeigt die Redakteure als ganz normale Männer und Frauen, die z.B. über Liebe und Mode schreiben. Dabei pfeifen die Redakteure jedoch auf Grammatik und Rechtschreibung, es gibt keine Zensur, denn nur der Gedanke zählt.

Die Redaktion hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt; da der Ohrenkuss die Massen erreichen soll, ist langfristig der Kioskvertrieb geplant, der im Moment aber noch zu teuer ist. Außerdem fände es de Bragança schön, wenn man das Magazin in andere Sprachen übersetzen könnte. Doch es sei wahnsinnig schwer, die Texte zu übersetzen – dafür brauche man einen Literaten, denn schließlich sollen die Texte in alle Herzen treffen können.

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