Ausgabe 8. Juli 2008
Von Maike Jansen
»Das Segelboot ist sehr lang und breit, brischt die Wellen auseinander. Da stehen auch die Wellen ganz groß. Die Segel auf den Masten müssen stramm sein. Der Wind pustet diese Segel auf. Er fühlt sich ganz locker und freudig.«
Marcus Langens, diktiert
Ein Traumschiff hat sich Marcus Langens anders vorgestellt. Eher wie das aus dem Fernsehen, groß und weiß, mit Pool, Bar und hübschen Mädchen in Bikinis. »Das hier sieht eher aus wie ein Piratenschiff«, sagt der 31-Jährige und blickt an den Holzmasten der “Roald Amundsen” empor. Marcus Langens ist Autor der Zeitschrift “Ohrenkuss” und gerade auf Recherchereise. Auf dem Schiff, das in Kiel vor Anker liegt, will er zwei Tage lang über seine Träume schreiben. Will erleben, wie es ist, ein Seemann zu sein.
Wer für den “Ohrenkuss” schreiben will, braucht kein abgeschlossenes Hochschulstudium. Er braucht 47 Chromosomen. Eins mehr, als die meisten Menschen. “Down Syndrom” nennt man das Phänomen, bei dem das 21. Chromosom in jeder Zelle dreifach statt nur doppelt vorkommt. Früher nannte man Menschen mit dieser Anomalie im Erbgut Mongoloide. Da glaubte man aber auch noch, Menschen mit Down Syndrom könnten weder lesen, noch schreiben. Dr. Katja Bragança hat das nicht geglaubt. Mit einem Projekt, das die Bonner Biologin 1998 startete, wollte sie beweisen, dass Menschen mit Down Syndrom sehr wohl schreiben können. Ihr gelang viel mehr als das.
»In der Nacht als ich schlief spürte ich die Liebe. Sie hatte Flügel und schwebte zu meinem Freund. In der Nacht.
Und ein Traum wird unendlich lang. Wie in alten Zeiten. Als ich ein großes Herz. Im Spiegel sah. In der Nacht als ich sah. Wie schön ich war.«
Dieses Gedicht stammt von Christiane Grieb. Die 28-Jährige schreibt schon lange für den Ohrenkuss, sie ist die Poetin unter den Autoren. Auch ihre Mutter Marlies staunt immer wieder über das Talent ihrer Tochter: »Manchmal scheint sie wochenlang so ein Gedicht mit sich herum zu schleppen«, erzählt Marlies Grieb. »Wenn man sie dann danach fragt, diktiert sie die Zeilen, ohne zu zögern.«
Auch Paul möchte über die Liebe schreiben. »Ich fühle mich frisch, wenn ein Kuss auf meinen Mund fällt«, diktiert der 14-Jährige und lacht stolz, wenn man ihm den Satz noch einmal vorliest. Auch Paul kann selbst schreiben. Er diktiert bloß, um die Gedanken schneller zu Papier zu bringen, sie nicht auf dem Weg dorthin zu verlieren. Noch am Morgen galt Pauls Liebe Anna-Lisa. Auch sie ist 14, auch sie hat das Down-Syndrom. »Wir wollen bald heiraten«, haben die beiden stolz erzählt – aber das war vor dem Streit, bevor Anna-Lisa Paul als Baby beschimpfte und sie sich kreischend über das Schiffsdeck jagten. »Du bist blöd, Paul«, sagt Anna-Lisa jetzt, und der diktiert stur weiter: »Liebe ist süß.«
Es ist dunkel geworden auf dem Schiff, viele Autoren haben sich in ihre Kajüten zurückgezogen – vielleicht träumen sie etwas, über das sie am nächsten Tag schreiben könnten. Marcus Langens will heute Abend noch nicht schreiben, erst morgen, wenn es auf große Fahrt geht. Jetzt sitzt er mit einem Glas Bier an Deck und erzählt von Zuhause. Von seinen Eltern und Freunden, seiner Arbeit in einer Caritas-Werkstatt in Duisburg-Rheinhausen.
“Was unsere Redaktion verbindet, ist nicht die Behinderung”
»Ich bin auch ein großer Tänzer«, sagt Markus und nimmt seine Mütze vom Kopf, unter der eine schon schüttere Haarpracht zum Vorschein kommt. »Glatze mit Vorgarten, hab ich von meinem Opa geerbt«, meint Markus und lacht – wie so oft. Seine Behinderung spielt in diesem Gespräch kaum eine Rolle, lieber spricht der 31-Jährige über Fußball und seine Lieblingsdisko.
»Was unsere Redaktion verbindet, ist nicht die Behinderung«, sagt Projektleiterin Katja Bragança. »Es ist die Liebe zum Schreiben.« Und die ist den Autoren deutlich anzumerken: Gerade erst hat die Roald Amundsen den Hafen verlassen, da stehen sie an der Reling und beobachten das Treiben an Land, helfen beim Segel setzen und stellen sich zum Steuermann ans Lenkrad. Doch kaum haben die Autoren ihre ersten Eindrücke gesammelt, laufen sie zurück zu ihren Logbüchern, notieren, was sie gesehen haben. Manche freuen sich dabei über Hilfe, andere wollen lieber selbst schreiben.
Auch Christiane gibt ihr Logbuch an diesem Tag nicht aus der Hand. Ehrgeizig schreibt sie die Geschichte der Frau von Christopher Kolumbus auf. Auch sie hatte Fernweh, glaubt Christiane, »ich will Indonesien entdecken«, schreibt sie auf. Am späten Nachmittag schließlich streckt sie einem dann ihren Block entgegen und strahlt vor Glück, wenn man ihr ihre Zeilen noch einmal vorliest: »Das habe ich alles geschrieben«, ruft sie stolz, »oh, wie klasse!«
Auch Marcus hat an diesem Tag eine Menge geschrieben, jetzt freut er sich auf Zuhause. »Ich hab eine Menge zu tun diese Woche«, erzählt er, während er an der Reling lehnt und aufs Meer hinausschaut. »Ich muss noch Wäsche runter bringen und aufräumen.« Das hat Marcus mit seiner Mutter so besprochen: Er will lernen, wie es ist, allein in einer Wohnung zu leben. Denn das ist der größte Traum des 31-Jährigen: Endlich selbstständig zu sein.