Ausgabe 30. Juni 2008
Von Dieter Hanisch
Reiseberichte bieten meist fesselnden Lesestoff. Und die Autoren des viel beachteten Redaktionsprojektes “Ohrenkuss” brechen immer wieder zu außergewöhnlichen Reportagen auf. Seit nunmehr zehn Jahren gibt es diese spannende Lektüre, verfasst von Frauen und Männern mit dem Down Syndrom. Das nächste Themenheft unter dem Titel “Traum” ist derzeit in Arbeit, da kam die Einladung zu einem Segeltörn auf der “Roald Amundsen” im Rahmen der eben zu Ende gegangenen Kieler Woche gerade richtig.
Mit dem Bus ist die Gruppe aus Bonn angereist, einige Mitreisende sind aber auch mit privaten Pkw oder per Bahn in Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt gekommen. Die Reisetaschen waren trotz nur kurzen Aufenthalts voll gepackt, hatten doch alle wetterfeste Kleidung dabei, die man dann auch gut gebrauchen konnte. Die sturm-erprobten Sportsegler blieben nämlich im Hafen. Ihre Regatten wurden bei acht Windstärken aus Sicherheitsgründen abgesagt. Die ansonsten in Eckernförde beheimatete “Roald Amundsen”, ein zum Großsegler umgebauter ehemaliger Fischerei-Logger, mit ihrer Reisegruppe schreckt solch ein Wetterszenario jedoch nicht. Erst im Frühjahr ist man vor Irland in einen Sturm mit zwölf Windstärken geraten, der alle Rahsegel zerfetzte – für den Verein “Leben-Lernen auf Segelschiffen”, dem die “Roald Amundsen” gehört und der Mitglieder in ganz Deutschland hat, ein Drama, das die Vereinskasse mit rund 40 000 Euro belastet.
Kapitän Hugo Bauer, in Chile geboren und auf fast allen Weltmeeren unterwegs gewesen, begrüßt die “Ohrenkussler” herzlich. Er und seine 16-köpfige Crew machen die Gäste erst einmal mit der 50 Meter langen Brigg bekannt. »Auf dem Schiff gilt für alle untereinander das Du«, stellt Fahrensmann Bauer gleich von der ersten Minute an Vertrautheit her. Alle sollen noch im Hafen eine Nacht an Bord verbringen, daher werden flugs die Kojen zugeteilt: Das Abenteuer kann beginnen!
Statt Redaktionsarbeit in den heimischen Downtown-Werkstatt-Räumen in Bonn lädt die Exkursion zur Schreibwerkstatt in der Kieler Förde. Sogleich lässt Katja Bragança Schreibmappen, die sie Logbücher nennt, verteilen. Die 48-jährige Humangenetikerin hat den “Ohrenkuss” ins Leben gerufen. Sie wollte damit auch dem sogar in Medizinerkreisen teilweise noch vorhandenen Vorurteil begegnen, dass mit Trisomie 21 zur Welt gekommene Menschen weder lesen noch schreiben können. Sie besitzen 47 statt 46 Chromosomen, das 21. Chromosom ist dreifach vorhanden. Laut dem Facharztmagazin “Pädiatrie” wird etwa jedes 700. Kind mit diesem Chromosomenbild geboren. Dort heißt es auch, dass sich bei Feststellung des Down Syndroms vor der Geburt 90 Prozent der Schwangeren zur Abtreibung entscheiden.
Angela Fritzen ist Gründungsmitglied von “Ohrenkuss”, der seinen Namen aufgrund einer witzigen Begebenheit bei einer Redaktionssitzung trägt, als Katja Bragança von Mitautor Michael Häger einfach so einen Kuss auf ihr Ohr bekam. Inzwischen schmückt man sich mit der Erklärung, dass ein Ohrenkuss das ist, was Bestand hat zwischen all dem, was auf der einen Seite rein und auf der anderen wieder raus geht. In Kiel ist Angela Fritzen auch dabei. Aus ihrer Beobachtungsgabe, Wissensneugier und Lernbereitschaft, gepaart mit sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten und einem Mitteilungsbedürfnis, resultiert wie bei allen anderen Autoren kein Kauderwelsch, sondern fantasievolle Essays, Gedichte, Interviews und Kurzberichte, in denen Satzbau, Rechtschreibung und Zeichensetzung natürlich auch mal holprig daher kommen und den einen oder anderen Fehler oder Buchstabendreher aufweisen. So schrieb Angela Fritzen etwa im jüngsten Heft des zweimal im Jahr erscheinenden Magazins zum Thema “Liebe”: »Was es ist ist ein Gedicht übe die Liebes Roman zu lesen in einem Buch der hat das Liebes Gedicht so geschrieben der heißt Erich Fried.« Zeichnungen und Skizzen ergänzen die Beiträge. Wer sich mit dem Schreiben schwer tut, kann einen der begleitenden Schreibassistenten bitten, die Gedanken zu Papier zu bringen. Original wird dann das Diktat übernommen – auf dem Schiff von Matthias Knopp, 32-jähriger Sprachwissenschaftler, der Sonderpädagogik studiert hat. Auch die Heilpädagogin Rosanna D'Ortona geht den Redaktionsmitgliedern zur Hand.
Mit Geldern aus der Volkswagenstiftung wurde das Projekt 1998 angeschoben, doch reichten die Finanzen nur für vier Ausgaben. Über einen festen Abonnentenstamm hat man es geschafft, alle Fixkosten so in den Griff zu bekommen, dass es den “Ohrenkuss” noch heute gibt. Derzeit erreicht man etwa 3000 Abnehmer, darunter Linguisten, Ärzte oder Bekannte, Freunde und Verwandte aus dem Umfeld der Behinderten. Inzwischen hat das Projekt immer mehr Redaktionskräfte und Korrespondenten gewonnen. »Kaum jemand ist abgesprungen«, freut sich Katja Bragança, die bei vielen der Schreiberlinge ein neues Stück Lebensinhalt implantiert hat.
Mit Stolz tragen die 27-jährigen Marc Lohmann und Svenja Giesler “Ohrenkuss”-Umhängetaschen. Lohmann ist angehender Hotelfachmann, Giesler im Berufskolleg tätig. Wie die anderen besitzen auch sie akkurat gefertigte Presseausweise. Für beide ist es nicht der erste Ausflug. Die Redaktion hat sich zum Beispiel in Dresden Zwinger und Grünes Gewölbe angesehen, hat das ehemalige Konzentrationslager in Buchenwald besucht, war zu Gast bei einem Schießtraining der Polizei, schaute eine Woche den Zeitungsprofis des Züricher “Tagesanzeiger” über die Schulter und reiste spektakulär in die Mongolei. Herausgekommen sind Themenhefte wie “Mode”, “Sport”, “Baby”, “Arbeit” oder “Essen”. »Strengt Euch an. Ich erwarte vernünftige Texte. Denkt an Eure Leser, die nicht dabei sind. Die wollen nicht lesen ›Ich bin auf einem Schiff; es ist schön.‹« Katja Bragança fordert Leistung. »Die Leser sollen doch nicht denken, Ihr seid bescheuert!«. Nein, das sind sie wahrlich nicht. Vielmehr ist zu merken, wie das “In-Einklang-Bringen” von Gedanken und Sprache, Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein stärken.
Keck sagt die 32-jährige Andrea Wicke von sich: »Ich bin klein, rund, dick, aber lustig!« In der Abschlussrunde an Bord sagt sie, dass es ihr “ein bisschen zu kalt” gewesen sei. Andere sind begeisterter, etwa die 14-jährige Julian Kruse: »Der Sturm hat mich am meisten gefreut.« Carina Kühne ist glücklich: »Danke, dass ich das Schiff steuern durfte.« An Deck wurde ihr auch gezeigt, wie sie einen Seemannsknoten fertigt. Andrea Fritzen hat ebenfalls ihr “Traumschiff”-Erlebnis gehabt, posierte am Steuer für mehrere Fotos. Verena Günnel stellt fest: »Ich habe viel gelernt.« Und dazu gehören nicht nur die Begriffe Steuer- und Backbord. Ein Stag-Segel wird beim Auslaufen gesetzt, und wie selbstverständlich stellt sich auch Andrea Fritzen ans Tau, packt mit an. Als jemand eine Piratenflagge in den Händen hält, werden Erinnerungsfotos gemacht. In der Kombüse hat der Smutje das Sagen, doch der lässt sich gern von den “Ohrenkusslern” beim Kartoffelschälen helfen.
Sicco Bremer denkt unterdessen an die deutsche Fußball-Nationalelf, die Europameisterschaft und an “seinen” TSV Isernhagen aus der Kreisliga, bei dem er als Betreuer aktiv ist. Verwandte und Eltern haben ihn animiert, bei “Ohrenkuss” mitzumachen. Erstmals war er bei einer Reportagefahrt dabei und hat andere Autoren persönlich kennen lernen können. Gern hätte er mit dem Kapitän geredet, doch dieser Wunsch ist ihm zu spät eingefallen, denn Hugo Bauer ist mit dem Anlegemanöver beschäftigt. Immerhin reicht es noch für ein gemeinsames Foto. Fußballfan Bremer hat der Segeltörn Spaß gemacht. Künftig will er weitere Ausflüge mitmachen. Sein Versprechen an alle: »Nächstes Mal werde ich Euch allen einen ausgeben.« Andrea Wicke entgegnet: »Große Worte. Wir werden Dich dran erinnern.« Gelächter bricht aus.
Dialoge wie dieser, dann auch zu Papier gebracht, und andere Beiträge haben dafür gesorgt, dass “Ohrenkuss” breites Interesse im Fernsehen und im Hörfunk gefunden und diverse Auszeichnungen bekommen hat. Wertschätzung der Arbeit und Bewunderung mischen sich in der Verleihung des Ideenpreises der Körberstiftung, des Oskar-Kuhn-Preises der Bleib-Gesund-Stiftung, des Deutschen PR-Preises. Aufmerksamkeit und Respekt heimst “Ohrenkuss” auch bei öffentlichen Lesungen ein. So war man bereits am Nationaltheater in Weimar zur Lesung oder präsentierte eigene Texte in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald. »Die Gabe des Vortragens haben nicht alle«, so Katja Bragança. »Vor entsprechenden Einladungen üben wir mit Sprachtrainern«, erzählt sie. Neuerdings kommt sie zu Leseterminen nicht mit leeren Händen, denn im bereits zehnten “Ohrenkuss”-Jahr ist ein Buch veröffentlicht worden, mit Texten und Fotos auf 300 Seiten.