Offizielles Organ des Deutschen Journalisten-Verbandes, Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten, Landesverband NRW e.V.
Das ungewöhnlichste Magazin in NRW kommt aus Bonn: Der “Ohrenkuss” wird ausschließlich von Menschen mit Down-Syndrom gemacht, pfeift auf Grammatik und Rechtschreibung und ist absolut basisdemokratisch. Ein erfrischendes Blatt mit Kultstatus.
Von Carmen Molitor
Ein langes Küchenmesser steckt im Tisch, darunter eine klebrige rote Lache. Das ist ja ein Blutbad
, sagt Redakteur Marc Lohmann langsam, lässt seine Leinentasche von der Schulter gleiten und setzt sich als erster hin. Kollegin Jule Müller blickt sich suchend im Redaktionsbüro um: Papierstapel wohin man sieht, Computer, volle Regale, Bücher, Aktenordner, die alten Ausgaben. Leiche fehlt
, stellt sie sachlich fest, Täter ist Gärtner.
Gertrudis Zimmermann durchschaut allmählich die Situation: Marmelade
, murmelt sie knapp und umklammert fest ihre kleine Tasche. So beginnt die Wochenkonferenz der ungewöhnlichsten Magazinredaktion in Nordrhein-Westfalen.
Der “Ohrenkuss”, der im Bonner Stadtteil Friesdorf gemacht wird, ist aus vielen Gründen ein Unikat. Der Wichtigste: Zur Redaktion gehören ausschließlich Menschen mit Down-Syndrom. 13 freie Redakteure und mehr als 30 Autoren im ganzen Bundesgebiet, 2 in der Schweiz und einer in den USA schreiben für den Ohrenkuss. Sie recherchieren nach Feierabend in Fitnessstudios, Kunstausstellungen oder auf Rockkonzerten, interviewen Prominente wie Wiglaf Droste oder werfen einen Blick hinter die Kulissen der Polizeiarbeit. Heraus kommen seit 1998 jedes Jahr zwei Ohrenkuss-Ausgaben zu Themen wie Liebe, Essen, Musik oder Glücksdrogen im Test. Die dadaistisch wirkenden Texte werden kombiniert mit einer hochwertigen Optik im DIN-A-4-Querformat, für die die Kölner Grafikerin Maya Hässig und Profi-Fotografen sorgen. Beides hat dafür gesorgt, dass das Magazin und seine Homepage www.ohrenkuss.de in manchen Kreisen Kultstatus hat und inzwischen auch das Medieninteresse von Spiegel online bis zur Johannes B. Kerner-Show weckte.
Für das neue Themenheft “Gut und Böse”, das Ostern erscheinen soll, sind die Vorbereitungen in vollem Gange. Brainstorming in Sachen “das Böse” ist bei der heutigen Dienstagskonferenz angesagt. Der mit Himbeermarmelade und einem Messer nachgestellte Tatort auf dem Konferenztisch dient dafür als Inspirationsquelle. Was fällt Euch ein, wenn Ihr das seht? Was ist da passiert?
fragt die Chefredakteurin Dr. Katja de Bragança. Die Humanbiologin und zwei Redaktionsassistenten sind die einzigen in der Runde, die nicht behindert sind. Sie sehen sich als Unterstützer der Redakteure, helfen bei der Organisation von Terminen, schreiben Texte von Autoren auf, die lieber diktieren möchten. Die 45-Jährige steht am Computerpult und wartet geduldig darauf, alles einzutippen, was ihrer Redaktion zu dem angedeuteten Blutbad einfällt. Sie muss nicht lange warten: Einer nach dem anderen erzählt seine Geschichte. Messer muss Blut raus, der ist gefährlich
, fängt Björn Langenfeld bedächtig an und ist dann mitten in einer haarsträubenden Story. Ein Mann hat Messer auf der Hand. Die Frau lauft weg: nicht mir töten. Frau hat Angst.
Düstere Geschichten entstehen, von einsamen Häusern, gewürgten Frauen, entführten Geiseln, klugen Detektiven. Später kommt noch der Pressesprecher der Bonner Polizei vorbei um einige Recherchetermine mit den Journalisten abzusprechen. Eine mustergültige Redaktionskonferenz: Jeder bringt sich ein, ermuntert die Kollegen, hört respektvoll zu, keiner fällt dem anderen ins Wort. Und die Chefredakteurin tippt – und zwar ganz genau das, was gesagt wird.
Der Ohrenkuss bringt selbstbewusst und konsequent die Sicht der behinderten Autoren auf den Punkt. Wer das Blatt liest, muss sich zunächst in eine ganz ungewöhnliche Sprache und Gedankenwelt einfinden, denn das Zitat ist heilig. Hier darf jeder schreiben was und wie er will. Der Duden muss draußen bleiben, Grammatik und Rechtschreibung spielen keine Rolle. Was diktiert oder aufgeschrieben wird, kommt ins Blatt. Auch wenn es nach landläufiger Ansicht erst einmal keinen Sinn ergibt und falsch geschrieben ist. Absolut authentisch zu bleiben ist oberstes Gebot, starke Emotionalität wird als Qualität gewertet. Keiner der Betreuer will den kreativen Prozess unterbrechen, der immer wieder zu extrem klugen Sätzen, manchmal zu wahren Weisheiten oder Poesie, führt. Zu “Ohrenküssen” eben, die im Ohr haften bleiben statt in der allgemeinen Informationsflut unterzugehen. So hat ein Kollege einmal ein Reh als Seele mit vier Beinen beschrieben
, erzählt Chefredakteurin Dr. de Bragança fasziniert. Die Autoren können eben in fünf Sätzen ausdrücken, worüber wir uns eine Stunde unterhalten müssten.
Auch Redaktionsassistent Martin Thelemann nennt ein Beispiel: Einer hat die Sonnenfinsternis damals so erklärt: Erde, Sonne, Mond dazwischen. Das versteht doch jeder!
Das hier nicht die übliche glättende Redigiermaschine angeworfen wird, sondern völlig ungeschminkte Texte abgedruckt werden, ist nicht als revolutionäres journalistisches oder künstlerisches Konzept gedacht. Es liegt daran, dass der Ohrenkuss in seinen Anfängen Wissenschaft war. Mit einem Forschungsprojekt, das das medizinhistorische Institut Bonn mit Hilfe der Volkswagen-Stiftung 1998 ins Leben rief, wollte Humangenetikerin Katja de Bragança erkunden, wie Menschen mit Down-Syndrom ihre Umwelt sehen und außerdem beweisen, dass sie – entgegen der Ansicht der meisten Wissenschaftler – sehr wohl Lesen und Schreiben können. Ein Königsweg dazu schien der Biologin zu sein, die Betroffenen eine Zeitschrift machen zu lassen. Mit zunächst vier Redakteuren startete sie den Ohrenkuss. In zwei Jahren entstanden vier Ausgaben. Dann wollte Dr. de Bragança das erfolgreiche Experiment wie geplant beenden. Doch sie hatte nicht mit dem Widerstand des begeisterten Redaktionsteams gerechnet. Ihre Schreiber wollten unbedingt weiter machen und sie schafften es auch. Mit Finanzspritzen von Sponsoren wie dem Stifterverband für die Deutsche Wirtschaft und der Volkswagen-Stiftung wurden weitere Hefte produziert. Inzwischen regnete es Preise auf die Ohrenkuss-Redaktion herab, vor allem im vergangenen Jahr: Es gab den Innovationspreis 2004 des Hausärzteverbandes Nordrhein, den Oskar-Kuhn-Preis der Bleib Gesund Stiftung, den Ideenpreis der Körberstiftung als ein deutsches Projekt, das auch in den USA zu realisieren ist. Das Redaktionsteam wird sogar für öffentliche Lesungen seiner Texte gebucht und entscheidet immer noch in basisdemokratischer Abstimmungen über den Schwerpunkt jedes Heftes.
Der Ohrenkuss kommt an: Im Augenblick hat das werbefreie Magazin 2500 Abonnenten. Zu den Lesern gehören Ärzte, Wissenschaftler, Pädagogen, Betroffene, Eltern, Freunde und Verwandte sowie Künstler, Germanisten und Grafiker. Die Einnahmen (18 Euro im Abo, 10 Euro pro Einzelheft) decken erst seit kurzem die Ausgaben für Büro, Grafik, Foto und Druck. Seit dem letzten Heft 2004 erhalten die Autoren auch ein Honorar, für eine Bezahlung von Chefredaktion und Redaktionsassistenz reicht es aber noch nicht, so Dr. de Bragança. Eines der nächsten Themen steht übrigens schon fest: Mongolei.