Presse

AOK-Jugendmagazin JO 4/2005

April 2005

Von Susanne Baus und Petra Meisenbach
Fotos: Claus Geiß

Ausgezeichnete Autoren

Das Magazin “Ohrenkuss” fällt auf. Und zwar nicht nur wegen des witzigen Namens und eines tollen Layouts, sondern vor allem wegen seiner außergewöhnlichen Texte. Geschrieben von Menschen mit Down-Syndrom.

Projekt Ohrenkuss

Kurz nach 18 Uhr in einem kleinen Raum in Bonn-Friesdorf: Nach und nach trudeln elf Ohrenkuss-Autoren ein. Jeden zweiten Dienstag treffen sie sich hier zur Redaktionssitzung. Sie alle haben von Geburt an das Down-Syndrom. Hervorgerufen wird die geistige Behinderung durch eine Chromosomenstörung: Das Chromosom 21 ist bei ihnen dreifach statt doppelt vorhanden, daher spricht man auch von Trisomie 21. Äußerlich charakteristisch sind leicht schräg stehende Augen, kleine Nasen und Ohren sowie eine geringe Körpergröße. Dass Betroffene trotz ihres Handicaps eine Menge leisten können und es ein Vorurteil ist, dass sie nicht lesen und schreiben können, beweist das von der Biologin Dr. Katja de Bragança geleitete Projekt Ohrenkuss.

Bevor die Redaktionsbesprechung richtig losgeht, wird für Verena, die gerade 18 geworden ist und für alle Muffins mitgebracht hat, “Happy Birthday” angestimmt. So viel Zeit muss sein. Dann verteilt Katja de Bragança die druckfrische neue Ohrenkuss-Ausgabe. Der Titel: “Jenseits von Gut und Böse”. Für das Heft recherchierten die Autoren unter anderem im Polizeipräsidium Bonn und im Konzentrationslager Buchenwald. Einige haben ihre Texte selbst in den Computer getippt, andere handschriftlich verfasst. Wer nicht schreiben kann, diktiert seine Gedanken einem der ehrenamtlichen Helfer, die die Autoren bei den Sitzungen unterstützen. Abgedruckt wird alles im O-Ton, korrigiert wird nichts, auch wenn sich die Artikel am Ende manchmal anders lesen, als es der Duden vorschreibt.

Schwarz auf weiß

Die Autoren sind stolz endlich liegt das Ergebnis vieler Arbeitsstunden schwarz auf weiß vor ihnen. Minutenlang wird in den Heften geblättert, gelesen, geguckt. Bis Angela Fritzen die Stille durchbricht: Ich glaube, du gehst fremd!, ruft sie Marc kichernd quer über den Tisch zu. Sie hat ein Foto entdeckt, auf dem Marc neben ihrer Namensvetterin Angela Baltzer zu sehen ist, die ja mit Björn befreundet ist. Marc ist sich keiner Schuld bewusst: Wer, ich?, fragt er erstaunt und lacht dann ein wenig verlegen.

In der heutigen Redaktionssitzung soll ein Dankesbrief an den Innenminister von Nordrhein-Westfalen verfasst werden, der die Arbeit an der “Gut und Böse”-Ausgabe unterstützt hat. Bloß: Wie fängt man so ein offizielles Schreiben an? Angela Fritzen meint: normalerweise mit “Sie”, ne? Julian widerspricht: Das ist ein ER. Angela erklärt: Ja, wir müssen aber den auch siezen. Das leuchtet ein. Sehr geehrter Herr Innenminister Dr. Behrens, schlägt Julian als Anrede vor. Passt. Und wie weiter? Angela ergreift erneut das Wort: Wir schicken Ihnen den Ohrenkuss über Gut und Böse. Genau, bestätigt Katja de Bragança und tippt die Formulierung in den Computer, was Angela begeistert mit geballter Sieges-Faust und einem Ja! quittiert.

In echter Teamarbeit geht es weiter. Julian beginnt: Wir bedanken uns ... und Angela Baltzer vollendet: .. dass wir geschossen haben. Das Schießtraining bei der Polizei war für die meisten ein faszinierendes Erlebnis. Nur Verena, die Jüngste im Team, fand es etwas unheimlich. Ihre Gefühle hat sie in einem Text zum Ausdruck gebracht. Er beginnt mit den Worten: Ich wollte ja schießen .... und endet mit Ich trau mich nicht daran zu schießen.

Recherche mit Vollgas

Karoline findet, dass der Besuch bei der Polizeihundestaffel im Brief erwähnt werden sollte. Und Svenja erinnert sich an die Fahrt mit einem Boot der Wasserschutzpolizei: Für mich war's jedenfalls sehr gut eben und mir hat's auch gefallen – dort. Dass bei aller Arbeit der Spaß nicht zu kurz kommt, beweist Angelas Schilderung von der Bootsfahrt: Wir haben Vollgas gemacht!, strahlt sie. Ihr Lachen wirkt ansteckend. Im allgemeinen Gelächter ergänzt Marc mit schelmischer Miene: Ja, ja. Genau das.

Gelacht wird viel bei Ohrenkuss. Wie in jeder Redaktion wird aber auch heftig diskutiert und kritisiert. Frust kommt jedoch nie auf. Klappt etwas nicht auf Anhieb, wird improvisiert. Die Ergebnisse können sich sehen und lesen lassen. Katja de Bragança über ihr Team und das Projekt: Man weiß nie, was passiert, aber es wird immer gut!

Pläne haben die Ohrenkussler genug. Sie wollen ein zweisprachiges Heft herausgeben, wofür sie den Ideenpreis der Körber-Stiftung gewonnen haben, und wollen über kurz oder lang von Friesdorf weg in die Innenstadt ziehen. Am liebsten rund um den Hofgarten, von wo aus es nicht weit bis zum Bahnhof ist und wo wir die nächsten 20 Jahre bleiben können. Schließlich überdauert gemäß dem Redaktionsmotto nur das Wesentliche. De Braganca: Nur das wirklich Wichtige bleibt im Kopf – und das ist dann ein Ohrenkuss.