Presse

Hamburger Abendblatt

Ausgabe 2. Oktober 2008

"Ohrenkuss": Menschen mit Down-Syndrom schreiben in dieser Zeitschrift

Die etwas andere Redaktion

14 Autoren schreiben, was sie bewegt. Und jetzt erscheint ein Buch mit den schönsten und amüsantesten Beiträgen.

Von Christina Ritzau

Menschen mit Down-Syndrom können nicht lesen und schreiben - dieses Fehlurteil ist heute immer noch weit verbreitet und kaum aus der Welt zu schaffen. Dabei brauchen viele Betroffene nur eine gezielte Förderung. Dann drücken sie ihre Gefühle und Gedanken auch in Texten aus, genau wie Menschen ohne Down-Syndrom. "Viele sagen 'Schreiben ist mein Leben', führen ein Tagebuch oder verfassen E-Mails", sagt Dr. Katja de Bragança (49), Chefredakteurin der Bonner Zeitschrift "Ohrenkuss ... da rein, da raus". Alle Texte werden von Mitarbeitern mit Down-Syndrom verfasst. Sie behandeln Themen aus dem Alltag, es geht um Musik und Essen, um Liebe, Freundschaft und Kennenlernen. "Es macht Spaß, die Zeitschrift mit ihrer speziellen Vitalität zu lesen", sagt zum Beispiel Dr. Heinzpeter Moecke, Ärztlicher Direktor der Asklepios-Klinik Nord-Heidberg.

Zum zehnjährigen Bestehen der Zeitschrift gibt die Redaktion jetzt ein "Wörterbuch" heraus, in dem die amüsantesten, rührendsten und schönsten Beiträge von A bis Z gesammelt sind. Einige Auszüge: Zum Stichwort "Muskeln" schreibt Christian Janke: "Wichtig. Weil man braucht Muskeln zum Sprudelkisten tragen." - Lydia Bleibinger zum Thema "Schminken": "Ja ich mag das schon. Ich will schön sein. Die Männer sollen die Frauen anschauen."

Manche Autoren haben ihre Artikel diktiert, andere haben sie selbst aufgeschrieben, frei heraus. Und genau so werden sie auch gedruckt. In der "Ohrenkuss"-Redaktion verzichtet man auf die Korrektur von Rechtschreib- und Grammatikfehlern. "Unsere Autoren haben eine ganz spezielle Art zu schreiben", sagt de Bragança stolz. "Das hat einen Charme, das können andere nicht hinkriegen." Aber manche ihrer Redakteure hätten auch die automatische Rechtschreibkorrektur am Computer für sich entdeckt und seien ganz "hingerissen" davon, schmunzelt sie.

Profis sorgen für ein kreatives Layout und gelungene Fotos und ergänzen damit das Gesamtbild. Die Bilder sind für die Aussage des Magazins wichtig. Sie zeigen lebensfrohe Menschen mit lachenden Gesichtern und strahlenden Augen. Sie schämen sich nicht, das Down-Syndrom zu haben. Sie sind mit sich im Reinen, sind individuell unterschiedlich, wie alle Menschen. Erst wenn andere sie komisch angucken, kommt manchen der Gedanke, dass sie anders sind. Das tut weh. De Bragança bedauert: "Leider sieht man oft erst das Down-Syndrom und dann den Menschen dahinter."

Einige der 14 Autoren, die für "Ohrenkuss" schreiben, sind schon seit der Gründung dabei. Andere leben außerhalb von Bonn und arbeiten als Außenkorrespondenten oder Gastautoren für das Heft. Bis jetzt ist jeder, der im Laufe der zehn Jahre dazugekommen ist, geblieben und den Machern vom "Ohrenkuss" ist klar geworden, wie wichtig ihr Projekt für Menschen mit Down-Syndrom ist. Einmal pro Woche treffen sich die Autoren im Alter von 14 bis Mitte 50 neben ihrer Berufstätigkeit zur Redaktionssitzung. Das Schreiben ist für sie keine Freizeitbeschäftigung, sondern zusätzliche Arbeit, aber eine, die Spaß macht. Sie sind stolz, wenn sie ihren Namen gedruckt sehen oder an Lesungen teilnehmen können. "Als Autor bekommt man nicht mit, wie die Menschen reagieren", erklärt de Bragança. "Bei einer Lesung schon."

14 Autoren schreiben, was sie bewegt. Und jetzt erscheint ein Buch mit den schönsten und amüsantesten Beiträgen.

"Ohrenkuss" ist 1998 aus einem Forschungsprojekt von de Bragança und ihrer Kollegin Brigit Mosimann am Medizinisch-Historischen Institut der Uni Bonn entstanden und sollte eigentlich nur zwei Jahre laufen. Aber es gab noch so viel zu sagen beziehungsweise zu schreiben, und so wurde aus dem befristeten Projekt eine Zeitschrift, die heute von der downtown-Werkstatt für Kultur und Wissenschaft getragen wird.

Heute erscheint "Ohrenkuss" zweimal jährlich mit einer Auflage von 5000 Heften und hat 3000 Abonnenten. Schätzungsweise die Hälfte davon hat etwas mit dem Down-Syndrom zu tun. Die andere Hälfte liest "Ohrenkuss", weil es einfach Spaß macht.