Ausgabe 2/2006
“Ein Reh? Ist eine Seele mit vier Beinen!” Wir geben es ehrlich zu: Auf solch gute Metaphern kommen auch wir nur selten. Viele solcher Sprachbilder stehen im “Ohrenkuss”, einem Magazin, in dem nur Texte von Menschen mit Down-Syndrom erscheinen. BRIGITTEwoman-Mitarbeiter York Pijahn hat das Team besucht und auch die Herausgeberin Katja de Bragança getroffen.
Von York Pijahn
Die Tür geht auf, zwölf Männer und Frauen zwischen 18 und 45 Jahren schieben sich am Regal entlang, vorbei an der Heizung zum großen, weißen Konferenztisch. Jacken aus, Stühlerücken. Es ist 17.30 Uhr in einer Bonner Innenstadtvilla, Arbeitsbeginn: “Ich möchte, dass Ihr Euch konzentriert”, sagt Katja de Bragança, eine Frau mit glattem, schwarzen Haar und dunklen Augen. Wie die kleine Schwester von Frida Karlo sieht sie aus. “Wir wollen heute eine Menge schaffen. Ich verlange ein paar gute Texte, sonst denken unsere Leser, ihr seid bescheuert.” Kichern in der Runde. Katja de Bragança klingt streng. Wie ein Fußballtrainer, der seinen Spielern in der Umkleide eine Standpauke hält. Damit das Team auf dem Platz Biss hat. Damit es zeigt, was es kann.
Alle zwei Wochen kommen die Männer und Frauen an dem eckigen Tisch zusammen und schreiben mit Hilfe der 46-jährigen Herausgeberin Katja de Braganças die Texte für ein Magazin, das sich “Ohrenkuss” nennt. Alle Autoren haben das Down-Syndrom, auch Trisomie 21 genannt. Das Heft ist ein papiergewordener Bruch mit allen Regeln des Marktes. Zwölf Euro für rund 35 Seiten – eigentlich zu teuer. Das Heft voller Rechtschreibfehler – eigentlich nicht akzeptabel. Mancher Text besteht nur aus einem Satz – eigentlich zu läppisch. Und dann auch noch pro Ausgabe nur ein einziges Thema, dass über alle Seiten ausgebreitet wird. Das kann nicht klappen. Eigentlich.
Vor jedem Autor liegt ein Stapel Papier. Die Aufgabe: einen Text zum Thema “Schutzengel” schreiben. Neben einige in der Gruppe, denen das Schreiben schwer fällt, setzt sich ein Assistent, der jedes Wort des Autors wie ein Sekretär mitschreibt. Wenn ihm “nackisch” statt “nackig” diktiert wird, kommt das genau so ins Blatt. Als sich ein junger Mann mit verwuschelter Frisur und Nickelbrille weigert, zu seinem Text auch eine Überschrift zu finden, nennt Katja de Bragança ihn einen 'faulen Sack'. Es klingt wie eine Vertrautheit unter alten Freunden. Zwei, die sich Anrempeln, weil sie sich mögen. “Herr Göpel, wir sind Profis. Wir wollen professionelle Texte. Dazu gehört auch ein Titel.” Zehn Minuten später steht über der Seite, auf der Julian Göpel von Schutzengeln berichtet, die über jedem auf dem Globus wachen: “Schutzengel – die internationale Versicherung.” Katja de Bragança verteilt Rüffel, dann wieder applaudiert sie, wenn jemand seinen Text vorliest. Sie lehnt sich an den Rücken eines ihrer Autoren an und schlingt die Arme um seine Schultern. Der Mann heißt Michael Häger. Während einer der ersten Konferenzen gab er ihr einen Kuss aufs Ohr. Einfach so, alle lachten. Der Name des Heftes war geboren: Ohrenkuss.
Seit acht Jahren sind die Hefte ein Erfolg. Warum? “Ja, warum eigentlich?”, sagt Katja de Bragança und es klingt, als habe sie auf die Frage auch keine Antwort parat. “Weil ich wegen Geld keine Kompromisse eingehe. Weil ich mit Behinderten arbeite, ohne auf Mutter Theresa zu machen.” Dann schiebt sie dem Besucher ein Ohrenkuss-Exemplar über den Tisch. “Gucken Sie da rein. Da steht alles drin.”
“Jenseits von Gut und Böse” ist auf dem Cover zu lesen. Für dieses Heft interviewten die Autoren Polizeikommissare, sprachen mit dem Innenminister von Nordrhein-Westfalen und fuhren eine Woche lang ins ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage: “Was ist böse?” In die Rolle der Häftlinge sollten sich die Autoren hinein versetzten, manche in die Rolle der SS – das war die Aufgabe. Fettnäpfchen so weit das Auge reicht. Heraus kamen dann Texte wie der von Julian Göpel:
“Ich hab so ein Gefühl, dass ich überhaupt nichts machen kann. Ich kann mich nicht vor der Kälte schützen. Wir müssen Nummern haben, aber keine Namen. (...) Ich weiß nicht, was danach kommt. Danach werde ich bestimmt getötet von der SS, mit Gewehren. Ich würde danach verbrannt und dann sehe ich nur noch meine Knochen.”
Das Magazin ist voller Provokationen. Texte, die wie Gedichte klingen. Ein bisschen Dadaismus, ein bisschen Poesiealbum. Als in dem Themenheft “Tiere” die Frage gestellt wurde, wie ein Reh aussieht, schrieb der Autor Tobias Wolf: “Ein Reh ist eine Seele mit vier Beinen.” Unbewusst muss man lächeln. Nicht nur weil der Satz niedlich klingt. Sondern weil er stimmt – und man selber nie drauf gekommen wäre. “Meine Kollegen haben die Erfahrungen von Erwachsenen. Aber sie haben keinen Filter zwischen sich und der Umwelt. Man muss ihnen nicht das Leben erklären – sondern lediglich wie der Fahrkartenautomat an der S-Bahnhaltestelle funktioniert”, sagt Katja de Bragança.
Mit dieser Ansicht war die Tochter einer deutschen und eines Inders während des Biologiestudiums in den achtziger Jahren alleine. Laut der Lehrmeinung vieler Ärzte, können Menschen mit Down-Syndrom nicht lesen und schreiben. Katja de Bragança war dabei, als einer dieser Ärzte einer Schwangeren prophezeite: “Sie müssen damit rechnen, dass ihr Sohn nicht einmal in der Lage sein wird, das Wort WC zu lesen.” Ohrenkuss tritt zweimal im Jahr den Gegenbeweis an. Und mehr als das: Es zeigt, dass die Autoren in erste Linie Autoren sind – und nicht Behinderte. Mit 160 000 Euro der Volkswagenstifung gründete Frau de Bragança ihr Heft. Zunächst als Forschungsprojekt. Dann machte sie mit eigenem Geld weiter, dass sie als Chefredakteurin und stellvertretende Chefredakteurin von zwei kleinen Magazinen verdient: einer Fachzeitschrift über Behinderungen und einem Verbandsmagazin. Eine Frau – drei Jobs. Hinzu kommt, dass viele gute Fotografen und Grafiker für wenig Geld bereit sind, beim Ohrenkuss mitzumachen. Denn die Bilder im Heft sind groß, mutig und überraschend, die Gestaltung frei und großzügig, professionell und gleichzeitig anarchisch. Alles geht, nichts scheint verboten. Seit der Gründung vor acht Jahren ist das Heft so zum Vehikel geworden, um der Welt einfache Fragen zu stellen. Und die Antworten unzensiert zu drucken. 2.500 Mal, so viele Abonnementen hat der Ohrenkuss.
Die Behinderten – die Stars. In einem Heft zum Thema Mode, sieht man sexy Frauen in engen Kleidern und starkem Make-Up - lachende Männer in gut geschnittenen Anzügen. Katja de Bragança, der Boss, die Herausgeberin, bleibt unsichtbar. Als sie bei “Johannes B. Kerner” eingeladen wurde, kam sie nur unter der Bedingung, dass der Moderator sich vor allem mit der Ohrenkuss-Pressesprecherin unterhalten würde: Julia Bertmann, einer kleinen, blonden Frau mit Down-Syndrom. “Mir ist klar, dass ich eine große Präsenz habe, ich mache das Projekt kaputt, wenn ich mich neben die Autoren stelle und in die Kamera grinse. Ich lasse die anderen groß sein.”
Die anderen: Sie leben in Berlin und Bayern, in Norddeutschland und Nordrheinwestfalen. Für jeden Ohrenkuss-Autor steckt eine bunte Nadel in der Deutschlandkarte neben dem Konferenztisch. Diejenigen, die zu weit weg wohnen, um zu den Treffen in Bonn zu kommen, gehören zu den rund 30 “Korrespondenten”, die ihre Texte per Post oder Mail nach Bonn schicken. In das Büro, dass de Bragança “Downtown-Werkstatt” genannt hat. Das Projekt hat sich in der Republik herumgesprochen. “Zu unseren Grundsätzen gehört, dass die Autoren auf uns zukommen und nicht umgekehrt. So merkt man gleich, wer wirklich schreiben will.” Die Redaktion wächst – wenn auch langsam. In acht Ohrenkuss-Jahren sind aus sieben festen Autoren zwölf geworden und noch keiner hat das Projekt verlassen.
Im vorletzten Jahr erhielt die Redaktion den Ideenpreis der Körberstiftung, fünf Jahre davor den Förderpreis “Demokratie leben”. Man kann sich vorstellen, wie die Mitglieder der beiden Jurys das Heft durchblättert haben. Vermutlich haben auch die Juroren gelacht, als sie Julia Bertmanns Text über Mode lasen: “Mode ist für mich wichtig, sonst würde ich nackig sein. Es ist sehr wichtig bei der Arbeit gut angezogen zu sein. Wenn man mit Schlabbersachen erscheint, kriegt man keinen Arbeitsvertrag.” Und vermutlich ist ihnen das selbe Lachen im Hals steckengeblieben, als sie im gleichen Heft Peter Rüttimanns Antwort auf die Frage entdeckten, was für Kleidung Menschen im Jahr 2053 wohl tragen werden: “Alle laufen als Feuerwehr, weil es überall brennt.”
Die Behinderten – die Stars. Aber sie sind keine Heiligen. “Es gibt unter Menschen mit Down-Syndrom so viele Nervensägen und Idioten, wie bei allen anderen auch”, sagt Katja de Bragança. “Und natürlich auch diejenigen, die ihre Behinderung nutzen, um ihren Willen durchzusetzen.” Gleichzeitig seien ihre Kollegen “Wunderwerke der Natur”, nicht normal, aber eine Normvariante. “Dass sie überleben, obwohl sie 47 statt 46 Chromosomen haben, ist beinah unbegreiflich.”
2005 fuhr de Bragança mit zwei Autoren in die Mongolei. “Als wir den Einheimischen erzählten, dass die Behinderung unserer Autoren von manchen “Mongoloismus” genannt wird, haben die sich fast totgelacht.” Herausgeberin und Autoren schliefen in einer Jurte, das Team ritt durch die Steppe, schoss mit Pfeil und Bogen. Die Eindrücke wurden noch vor Ort in einem Reiselogbuch festgehalten, aus diesem wurde dann das Mongolei-Heft. “Die Landschaft in der Mongolei ist ganz schön weit und lang”, heißt es dort. Und dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Außer vielleicht der Text von Autor Tobias Wolf, in dem er die Landessprache der Mongolei in nur acht Worten beschreibt: “Mongolisch ist mongolisch und klingt so wie mongolisch.”