Presse

Thüringer Allgemeine

Ausgabe vom 23. August 2006

Ohrenkuss im Glockenturm

Von Elena Stepanova

Ein Ohrenkuss ist nichts, was zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus geht. Er ist etwas Bleibendes – auch und gerade als beeindruckende Zeitschrift, die von Redakteuren mit Down-Syndrom herausgegeben wird.

WEIMAR. Eine außerordentlich bewegende Lesung mit den Ohrenkuss-Autoren fand gestern in der Gedenkstätte Buchenwald statt. Zum ersten Mal seit 15 Jahren wurde dafür der Glockenturm auf dem Mahnmal-Gelände geöffnet.

Ihre Gedichte treffen mitten ins Herz, und durch die Wahl des Ortes verstärkte sich der Eindruck von dieser Lesung noch. Die kraftvollen Frauenstimmen durchdrangen die schlechte Akustik im “Turm der Freiheit”. “Freiheit” war auch das Thema, das die Autorinnen für ihre kurzen poetischen Texte ausgewählt hatten. Man dürfte darin einen symbolischen Sinn erkennen: Im KZ-Buchenwald wurden Menschen mit einer solchen Behinderung ihrer Menschenwürde, Freiheit und in den meisten Fällen schließlich ihres Lebens beraubt. Packend und nachvollziehbar haben die “Ohrenküssler” die Lager-Erfahrung und den Wunsch nach Freiheit in ihren Gedichten formuliert. Dabei ist es keine Mitleidstour, sondern hoher künstlerischer Anspruch, dem sie sich verpflichtet fühlen.

Vor der Lesung war das Redaktionsteam mit einem Preis des Wettbewerbs “Deutschland – Land der Ideen” geehrt worden Das Ohrenkuss-Projekt ist einmalig weltweit und beweist, dass Menschen mit Down-Syndrom nicht nur lesen und schreiben, sondern in ihren Texten Gefühle auf den Punkt bringen können. Sie drücken oft genau das aus, was viele zwar in ihren Herzen spüren, sich jedoch niemals zu äußern wagen.

Fragt man sie, wie sie sich als Dichter fühlen, sagen sie: “Einfach nur frei”.