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AOK-Forum Spezial 6/2004

Reporter (fast) ohne Grenzen

Von Dr. Ulrich P. Schäfer

Wer zum Redaktionsteam der Zeitschrift “Ohrenkuss” gehört, der muss sein journalistisches Handwerk beherrschen: Fragen stellen, Texte schreiben, Fotos aussuchen. Und damit umgehen können, dass manche Zeitgenossen einem das alles gar nicht zutrauen.

Diese Frage ist dem Schriftsteller Wiglaf Droste vermutlich noch in keinem Interview gestellt worden. Sie kommt gleich zu Beginn des Gesprächs: „Wie heißen Sie denn?“ „Ich heiße Wiglaf Droste“, sagt Wiglaf Droste, bewahrt die Fassung und beantwortet auch alle weiteren Fragen. Nach einem Auftritt in Bonn sind Autoren der Zeitschrift „Ohrenkuss“ zu ihm gekommen und lesen die Fragen, die sie sich vorher ausgedacht haben, von den mitgebrachten Karteikarten ab. Nach der Lektüre des Interviews wissen die Leser des „Ohrenkuss“-Heftes zum Thema „Lesen“, warum Droste überhaupt schreibt, was er gern liest, welche Auflage seine Bücher haben und wie viele Bankkonten er hat. Und dass er jemand ist, der Menschen mit Down-Syndrom nicht wie Kinder behandelt, auch wenn sie manchmal ungewöhnliche Fragen stellen.

Sympathischer Typ. Vielleicht auch deshalb kam Wiglaf Droste bei der „Ohrenkuss“-Redaktion gut an. Angela Fritzen (29) fasst ihren Eindruck zusammen: „Wenn ich das so generell sage, sympathisch. Der Mann ist mein Typ. Frag mich nicht warum, ich weiß es nicht.“

„Droste behandelte meine Kollegen respektvoll, aber er blieb dabei auch er selbst“, sagt Dr. Katja de Bragança, die „Ohrenkuss“-Chefredakteurin. „Das hat mir bei dem Interview besonders gefallen.“ Oft beobachtet sie, wie Menschen mit Down-Syndrom in Watte gepackt werden: Nur nicht widersprechen, nur nichts selber machen lassen. Beim „Ohrenkuss“ geht es anders zu: „Man kann nicht fördern, ohne zu fordern.“ Den Weg finden. Das weiß auch Svenja Giesler (24), die gerade beim „Ohrenkuss“ ein Praktikum begonnen hat. Sie sagt, für sie sei das Schwierigste bei dieser neuen Arbeit „die selbstständige Orientierung“. Selbst den Weg von zu Hause durch die Stadt ins Büro zu finden, ist ein Kraftakt. Ein „Arbeitsassistent“, Martin Thelemann, hilft ihr in den ersten Wochen dabei. Er erklärt ihr auch, welche Briefmarken auf welche Briefumschläge gehören und mit welchem KniffDIN-A4-Blätter so gelocht werden, dass sie in die Ordner passen.

„Ohrenkuss“ ist aus einem Widerspruch geboren. Noch vor 15 Jahren galt als wissenschaftlich gesichert, dass Menschen mit Trisomie 21 weder lesen noch schreiben lernen können. Als Dr. Katja de Bragança, Biologin am Institut für Humangenetik der Universität Bonn, den ersten Text eines Menschen mit Down-Syndrom sah, kamen ihr Zweifel. Am Bonner Medizinhistorischen Institut konnte sie ein Forschungsvorhaben begründen, das den „Normalen“ nahe bringen soll, wie die Welt aus der Sicht von Menschen mit Down-Syndrom aussieht. Die Volkswagen-Stiftung ließ sich überzeugen und förderte das Projekt, an dem heute bis zu 50 Autorinnen und Autorenmitwirken. Die Förderung der Stiftung ist lange ausgelaufen; heute versucht die Redaktion, sich aus Abonnements zu finanzieren. Dr. Bärbel Peschka, bei „Ohrenkuss“ zuständig für Finanzen: „Wir haben gut 2.000 Abonnenten. Es müssten 5.000 sein, damit wir finanziell unabhängig sind.“

Den Alltag erobern. Alle 14 Tage kommen die zehn Autoren, die in Bonn und Umgebung wohnen, zur Redaktionssitzung zusammen, um die Themen der aktuellen und der nächsten Ausgaben zu besprechen. Zu den Höhepunkten gehören Lesungen und gemeinsame Recherche-Reisen. Stück für Stück erobern die Redakteure dabei die Alltagswelt. Wohin mit dem Koffer, wenn der Zug erst später fährt und man noch einen Stadtbummel machen möchte? Wie findet man im Hamburger Hauptbahnhof die Schließfächer? Wen kann man da fragen? Ein Ausflug in die Hansestadt genügte, und alle wussten Bescheid. „Menschen mit Down-Syndrom können vieles, man muss ihnen nur Zeit lassen“, meint Katja de Bragança. Das dreifach vorhandene Chromosom Nummer 21 (daher „Trisomie 21“) führt zu körperlichen Auffälligkeiten und lässt sie beim Intelligenztest-Ranking auf den hinteren Plätzen landen. Aber es hindert sie nicht daran, Verantwortung für sich zu übernehmen oder alleine mit dem Bus zu fahren.

Zwölf Themenhefte sind so inzwischen entstanden, ein jedes ein Augenschmaus auf edlem Papier. Profis sorgen für Fotos und Layout rund um die Texte des Redaktionsteams und der korrespondierenden Autoren. „Ohrenkuss“ – das soll symbolisieren, dass viele Informationen zum einen Ohr in den Kopf hineingehen und zum anderen Ohr wieder heraus. Was wichtig ist, bleibt hängen. Und was bleibt beim Leser nach der „Ohrenkuss“- Lektüre hängen? Zunächst einmal die eigenwillige Poesie der Texte, die sich nicht einfach so runterlesen lassen, sondern häufig dazu auffordern, sich Gedanken zu machen: Was könnte der Autor, was könnte die Autorin wohl damit gemeint haben? Manche Autoren tippen selbst, haben sogar eine E-Mail-Adresse, andere diktieren lieber. Angela Baltzer (25) zum Beispiel über das, was das „Ohrenkuss“- Team bei Lesungen beachten muss: „Ruhig sein, friedlich sein und höflich sein/immer Herr und Dame immer angucken, höflich und freundlich zu sein, freundlich angucken./Ich muss sehr ordentlich lesen/Das geht nicht: nichteinschlafen, nur wach sein und fit sein/ Rücken gerade./Unhöflich: nicht grinsen, das ist nicht so gut/Reden nur über Ohrenkuss Arbeit, nicht private Sachen rüber reden./Und nicht Nasepopeln, das geht nicht.“ Menschen mit Down-Syndrom sind nicht alle gleich. Sie haben unterschiedliche Persönlichkeiten, Interessen und Fähigkeiten. „Ohrenkuss“-Leser wissen das.

Mehr als eine Antwort. Nicht zuletzt denkt man bei der Lektüre auch an die vorgeburtliche Diagnostik, mit der festgestellt werden kann, ob das ungeborene Kind das Down-Syndrom mit auf die Welt bringen wird. „Menschen mit Down-Syndrom werden nicht wirklich als Personen mit einer ‚Daseinsberechtigung‘ angesehen“, sagt Katja de Bragança. „Mehr als 95 Prozent der Paare, bei deren ungeborenem Kind eine Trisomie 21 festgestellt wird, nehmen einen Schwangerschaftsabbruch vor.“ Sie respektiert die Entscheidung der Eltern, aber „Ohrenkuss“ zeigt, dass es bei dieser Frage mehr als eine Antwort gibt.