26/27. Juni 2004
Von Sandra Kreuer
Fotos: Frank Hohmann
Das Bonner Lifestyle-Magazin “Ohrenkuss” wird von Menschen mit Down-Syndrom gestaltet. Ein Besuch in der Redaktion in Friesdorf
Ich bin empfohlen worden. Ich wurde entdeckt. Ich bin empfohlen worden, weil ich einen Hang zu Gedichten habe
sagt Svenja Giesler so beiläufig in die Runde, als würde sie gerade ein paar Worte über das Wetter verlieren. Dabei hält sie ihre Hände gefaltet vor sich, während ihr Blick einen imaginären Punkt in dem Redaktionsbüro in Friesdorf fixiert, das vollgestopft ist mit Büchern, Kartons, Registern. Eine Frage, eine Antwort. Mehr gibt es zu ihrem Zweitberuf als Journalistin nicht zu sagen. Es sei denn, jemand fragt nach. Dann erzählt die 23-jährige Berufsschülerin, die weitaus jünger wirkt, dass ihr das Schreiben Spaß macht und wichtig für sie ist. Dass sie sich “gerne Gedichte und Storys” ausdenkt, für Fußballhefte nur den Kommentar Nein, danke
übrig hat und die Arbeit bei “Ohrenkuss” voll cool
findet.
Dort, wo auch die Geschichte von Angela I und II, Björn, Julia, Susanne, Marc, Antonio, Michael, Karoline, Gertrudis und Tobias mit dem Eintritt in die “Ohrenkuss”-Redaktion irgendwann ab dem Jahr 1998 beginnt. Eine Geschichte des möglichen Unmöglichen, eine, die es eigentlich gar nicht gibt. Denn laut wissenschaftlichen Erkenntnissen dürften Svenja und ihre Kollegen weder lesen noch schreiben können. Sie alle wurden mit dem so genannten Down-Syndrom geboren, das eine Lernbehinderung einschließt. Statt 46 Chromosomen in jeder Körperzelle verfügen die “Ohrenkuss”-Redakteure über 47. Das Chromosom 21 ist bei ihnen dreimal vorhanden, woher sich die Bezeichnung “Trisomie 21” ableitet. Ein Magazin zu machen, das von eigenen Fotos und selbst geschriebenen oder diktierten Texten lebt, die bewusst unkorrigiert abgedruckt werden, sei genau das Metier, das man ihnen nicht zutraut. Das sprengt ja das Hirn der meisten Leute.
Sagt Katja de Bragança.
Die 44-Jährige ist nicht nur Redaktionsleiterin, sondern auch Biologin, die vor sechs Jahren das “Ohrenkuss”-Projekt ins Leben gerufen hat. Damals beschäftigte sie sich an der Universität Bonn unter anderem mit vorgeburtlicher Diagnostik. In besonders schlechter Erinnerung ist ihr dabei das Urteil eines Frauenarztes geblieben, der einem werdenden Eltern-Paar zu ihrem noch ungeborenen Kind erklärt hatte, dass sie damit rechnen müssten, dass ihr Sohn nicht einmal in der Lage sein wird, das Wort WC zu lesen
. Katja de Bragança wusste es besser. Zum einen hatte sie eine von einem Jungen mit Down-Syndrom selbst verfasste Robin-Hood-Geschichte im Kopf, die eine Medizinerin bereits Ende der 80er Jahre bei einem Vortrag in Madrid vorgestellt hatte. Zum anderen konnten all die Gespräche mit Familien und Betreuern, die ihr Schulhefte, Postkarten und Briefe gezeigt hatten, kein Zufall sein.
Die Gelegenheit, genau das zu beweisen, bekam Katja de Bragança 1998, als das Medizinhistorische Institut in der Universität Bonn den Zuschlag für ein Forschungsvorhaben der Volkswagenstiftung erhielt. Der Inhalt: Wie erleben Menschen mit Down-Syndrom die Welt, und wie sieht die Welt Menschen mit Down-Syndrom? Und weil eine eigene Zeitung am besten die Realität abbilden kann, war das Projekt “Ohrenkuss” geboren. Ganz am Anfang haben wir einen Aushang gemacht
, erinnert sich de Braganca. So fanden sich im Laufe der Zeit beispielsweise verschiedene Mitglieder aus einer Freizeitgruppe geistig behinderter Menschen mit Schülern der integrativen Gruppe der Gesamtschule Beuel und der Robert-Wetzlar-Schule zusammen. Geplant waren für das Magazin ursprünglich nur vier Ausgaben, zwölf sind es mittlerweile. Daneben ist die einstige Auflage von 150 Exemplaren auf 3000 Stück gestiegen und läuft die Finanzierung mittlerweile über Abonnements unter dem Dach der Downtown - Werkstatt für Kultur und Wissenschaft.
Geschrieben hat das Redaktionsteam, das auch ein Netz von 25 bis 30 Fernkorrespondenten unterhält, über so unterschiedliche Themen wie Liebe, Arbeit, Musik, Frau und Mann, Lesen und Nacht. Gerade erschienen ist das Heft Tiere, und das nächste wartet schon. Es ist Dienstag, Redaktionstag. Während nach und nach die Redaktionsmitglieder in ihrem Büro eintrudeln, verteilen Marc und Björn noch schnell Gläser und Sprudelflaschen. Angela Fritzen, die von allen Angela I genannt wird, weil sie von Anfang an bei “Ohrenkuss” mitmischt, erzählt von ihrem anstehenden Urlaub in Österreich, Namensvetterin Angela Baltzer - Angela II - von ihrem bevorstehenden Geburtstag. Immer wieder klingelt es an der Tür. Ich steh' jetzt nicht auf, keine Lust
verkündet Angela II. Katja de Bragança wirft währenddessen noch einen Blick auf den Computer. Dann, punkt 17.30 Uhr, geht es los – mit Manöverkritik. Es geht um die Lesungen, die die “Ohrenkuss”-Redakteure überall in Deutschland halten. Wenn wir eine Lesung machen, geht es mit euch durch. Das müssen wir noch üben. Ihr müsst lernen, das zu erzählen, was wirklich interessant ist, und nicht, wie alt eure Mamas und Papas sind
sagt sie. De Braganca spielt auf das Lesetraining mit der Schauspielerin Gaby Pochert an, das von einigen nicht regelmäßig besucht wird. Es ist einfach so, es gibt Leute, die können nicht superdeutlich lesen
wirbt sie. Jeder von euch verbessert sich. Als du, Svenja, bei der Gaby warst, hast du lebendig vorgelesen. Das ist cooler
. “Cool” ist de Bragancas Lieblingswort, das besonders gut zum neu anvisierten Thema passt. M, O, D, E
, buchstabiert Angela Fritzen laut die schwarzen Schriftzeichen, die auf einem ansonsten noch weißen Block stehen: “Mode“. So heißt unser nächstes Heft, das im Herbst herauskommt
sagt de Braganca. Das Sammeln von Ideen, das am Anfang jeden neuen Themas steht, beginnt. Angela II tippt mit verschwörerischer Miene auf das Heft ihres Freundes Björn, der aus einer Modezeitschrift schon einige Kleidungsstücke mit ihrem Preis zusammengetragen hat. Doch Susanne, die neben ihm sitzt, ist schneller. Hemden, Pullover, Skiunterwäsche, Kniestrümpfe, Leggings
diktiert sie. Schöner Rock, Sommerrock
fällt Marc ein. Petticoat
sagt Svenja plötzlich. Svenja, wo hast du das her?
hakt de Braganca nach. Dirty Dancing. Ich werde den nachher noch sehen. Ich kann etwas über den Film schreiben. Ich werde auch ein bisschen abrocken können
, antwortet sie. Cool.
Für das Thema “Glücksdrogen im Test” fuhr das Team nach Hamburg, besuchte das Gewürzmuseum in der Speicherstadt und lernte nebenbei am Bahnhof den Umgang mit Schließfächern. Auch die Interview-Partner können sich sehen lassen: Die Pop-Band “Die Prinzen”, Satiriker Wiglaf Droste und Schauspieler Bobby Brederlow, der mittlerweile selbst für das Magazin schreibt. Neben den Texten kommt es de Braganca auf das Layout mit Lifestyle-Flair und attraktiven Fotos an.
In Lehrbüchern und Lexika werden Menschen mit Down-Syndrom immer noch in Rippstrickunterwäsche vor einer gekachelten Wand mit Messlatte abgebildet. Mit der Lebenswirklichkeit hat das gar nichts zu tun
macht sie ihrem Ärger Luft. Vorurteile, die nicht nur verletzen, sondern vor allem falsch sind. Wie die Annahme, dass Menschen mit Down-Syndrom angeblich ihre Lage nicht reflektieren, an ihrer Behinderung leiden, nicht lesen und schreiben können und nicht älter als 30 Jahre werden.
Die “Ohrenkuss”-Mannschaft ist zwischen 22 und 44 Jahren alt und arbeitet hauptberuflich in Altenheimen, Büros und Behindertenwerkstätten und besucht das Berufskolleg. Die Redakteure haben Hobbys wie Reiten und Tanzen und träumen von einem sicheren Job, einer Beziehung und Kindern.
Pläne haben die Ohrenkussler genug. Sie wollen ein zweisprachiges Heft herausgeben, wofür sie den Ideenpreis der Körber-Stiftung gewonnen haben, und wollen über kurz oder lang von Friesdorf weg in die Innenstadt ziehen. Am liebsten rund um den Hofgarten, von wo aus es nicht weit bis zum Bahnhof ist und wo wir die nächsten 20 Jahre bleiben können
. Schließlich überdauert gemäß dem Redaktionsmotto nur das Wesentliche. De Braganca: Nur das wirklich Wichtige bleibt im Kopf - und das ist dann ein Ohrenkuss.
©General-Anzeiger Bonn