9. Februar 2005
“Rehe – das ist eine Seele mit vier Beinen”
Von Johanna Tüntsch
BONN. “Das war so schrecklich. Da kann man sich vor Kälte so überhaupt nicht schützen. Ich werde auch so krank werden, wie die anderen. Ich hab so ein Gefühl, dass ich überhaupt nichts machen kann.” Mit eindrucksvollen, klaren Worten schildert Julian Göpel in seinem Text “Wir waren heute in Buchenwald gewesen” die Situation eines KZ-Häftlings.
Gebannt lauscht das Publikum seinem Vortrag, sieht die rohen Waggons vor sich, in die Männer, Frauen und Kinder gepfercht waren. “Es muss ein schreckliches Gefühl gewesen sein, hier auszusteigen”, vermutet Veronika Hammel, die ebenfalls nach Buchenwald gereist ist, ihre Empfindungen vertextet hat und nun einiges davon vortrug.
Etwa hundert Zuhörer jeden Alters waren zu der Lesung gekommen, die zum Abschluss des Ausstellung “Bilder, die noch fehlten” im Bonner Künstlerforum stattfand. Gestaltet hatten den Abend Autoren des Magazins “Ohrenkuss” mit bislang unveröffentlichten Artikeln ihres Themenheftes “Gut und Böse”, das im Frühjahr erscheint.
Dabei ging es nicht nur um extreme Erlebnisse wie eine gemeinsame Reise ins ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Was unternimmt man zum Beispiel gegen seine ganz alltäglichen, kleinen, fiesen Ängste? Man könnte drei Kugeln Eis bestellen, empfiehlt Angela Fritzen in ihren Überlegungen “Über die Angst”: “Zitrone, Banane und Vanille”, zählt sie auf, blickt dabei fest ihr Publikum an und betont jedes Wort. So hat sie es gelernt von Gaby Pochert, die seit einem Jahr die Ohrenkuss-Autoren für öffentliche Lesungen trainiert. “Ihre Texte sind außergewöhnlich, und genauso ist der Umgang mit diesen Menschen”, beschreibt die professionelle Bühnenschauspielerin. Den Autoren ist eines gemeinsam: Alle haben Down-Syndrom. “Wenn man mit ihnen arbeitet, gibt es keine Technik, auf die man zurückgreifen kann. Außerdem braucht jeder extrem viel Aufmerksamkeit”, so Pochert. In Einzelstunden hat sie mit jedem Gestik, Mimik und Stimmlage einstudiert – ohne dass dabei die Authentizität verloren ging.
Mit schelmischem Grinsen legt Svenja Giesler den Kopf schief, wirft ihr langes blondes Haar über die Schulter, genießt diesen Augenblick, denn sie weiß: Gleich wird sie das Publikum schocken. “Ich schneide ihm beide Arme ab und ramme ihm das Messer mitten ins Herz. Wumm!” Das hat keiner erwartet von dem Mädchen mit dem Puppengesicht. Aber Kriminalistik gehört eben auch in den Recherche-Bereich “Gut und Böse”. Genauso wie umgekehrt all die schönen Dinge des Lebens: “Rehe, das ist eine Seele mit vier Beinen”, findet Tobias Wolf, und Verena Günnel verrät: “Meine Eltern sind Schutzengel für mich. Das finde ich toll an ihnen!”
Nach über zwei Stunden klatschen die Zuhörer begeistert im Stehen Beifall. Oft haben sie lachen müssen, oft auch betroffen geschwiegen. Ohrenkuss-Autoren bringen Gefühle auf den Punkt. Gegen das Vorurteil, dass Menschen mit Down-Syndrom nicht lesen und schreiben könnten, wurde das Magazin vor sieben Jahren gegründet. “Ich finde toll, dass Verena hier weiter mit Texten arbeiten kann”, freut sich Mechthild Günnel, deren Tochter im Sommer die Gesamtschule abgeschlossen hat. Einem Analphabetismus-Vorurteil ist die Familie allerdings nie begegnet: “Wir waren sogar überrascht, davon zu hören. Verena hat immer gelesen!” Und zwar richtig dicke Wälzer, wie die 17-Jährige selbst berichtet: Herr der Ringe und Harry Potter gehören zu ihren Lieblingsbüchern.
Der nächste Termin für eine Ohrenkuss-Lesung steht noch nicht fest.