Presse

Aachener Zeitung

Ausgabe 22. März 2008

“Eindrücke von der Welt, in wunderbaren Worten”

Die Redaktion des Lifestyle-Magazins “Ohrenkuss” besteht ausschließlich aus Menschen mit Trisomie 21, besser bekannt als das Down-Syndrom.

Und mein Traum in der Nacht wäre, mit Dir zusammen in einem Flugzeug in die Lüfte zu fliegen . . . Für mich bist Du mein Stern, der vom Himmel gefallen ist und mein Prinz, der mich zum Leben erweckt hat.

Von Ralph Allgaier

Bonn. Hermine Fraas hat diese Gedanken zu Papier gebracht. Und viele haben sich darüber gewundert. Menschen wie Hermine, so war es fast gängige Meinung unter Medizinwissenschaftlern, könnten gar nicht schreiben. Und lesen auch nicht. Den Grund sahen sie in Hermines Trisomie 21, besser bekannt als das Down-Syndrom. Sie besitzt ein Chromosom mehr als andere Menschen; jenes ominöse Chromosom 21 ist in ihrem Körper dreimal vorhanden. Hermine (52) ist deswegen geistig behindert, wobei man mittlerweile eher von intellektueller Entwicklungsstörung oder einem Handicap spricht. Denn eigentlich sind die meisten Menschen mit Down-Syndrom vergleichsweise leistungsfähig.

Ungewöhnliche Idee

Der Biologin Katja Bragança wurde während ihrer Doktorarbeit am Bonner Institut für Humangenetik endgültig klar, dass man trotz Trisomie 21 Gedichte schreiben kann, Postkarten, kleine Geschichten. Und das brachte sie auf eine ungewöhnliche Idee: Vor nun genau zehn Jahren gründete die 48-Jährige das Magazin “Ohrenkuss”, in dem ausschließlich Menschen mit Down-Syndrom die Redakteure sind. Und das mit hohem Anspruch: Bragança gelang das Kunststück, den “Ohrenkuss” zu einem Lifestyle-Magazin zu entwickeln, auf hochwertigem Papier, top-modern von der Kölner Graphikerin Maya Hässig gestaltet. Und mit echten Hingucker-Bildern von Profi-Fotografen pompös ausgestattet. 3000 Abonnenten hat der werbefreie “Ohrenkuss” mittlerweile, womit die Herstellungskosten gedeckt sind. Trotzdem ist viel ehrenamtliche Arbeit nötig, und die Gestaltung des zweimal jährlich erscheinenden Heftes übernehmen Grafikerin und Fotografen zu kleinen Preisen.

Charme, Herzlichkeit

Ein Dienstagnachmittag in einer Bonner Altbauwohnung. Redaktionssitzung des “Ohrenkuss-Teams”. Die Stimmung ist ausgesprochen locker, die zwölf Redakteure im Alter zwischen 14 und 45 empfangen ihren Gast mit Wärme, Charme und Herzlichkeit. Eines der Themen für die nächste Ausgabe lautet: “Was wünscht Ihr Euch für morgen?” Gedanken hierzu werden in der Gruppe zunächst einmal in einer Art Brainstorming erarbeitet. Katja Bragança und ihre Mitarbeiterin Rosanna D’Ortona tippen alle Beiträge ins Laptop, über Fragen in die Runde sollen möglichst viele Aspekte eines Themas erarbeitet werden. Die ganze Sache ist für alle Beteiligten ein aufwändiger Prozess, weil die Redakteure mitunter rasch an ihre Grenzen gelangen. Die Ausgangsfrage, was man sich für morgen wünscht, ist für einige schon zu abstrakt. Ihnen fällt zunächst nur ein, was morgen sein wird. “Morgen ist ein schöner Tag”, sagt Paul Spitzeck. “Ich habe frei am Vormittag Schule. Schöne Arbeit.”
Zu den wichtigsten Regeln der Redaktionsarbeit zählt Bragança, dass die Text-Beiträge nicht verbessert werden. Rechtschreibfehler, ungelenker Satzbau – alles bleibt so, wie es die Autoren entweder selbst geschrieben oder aber diktiert haben. Übrigens verfügt das “Ohrenkuss”-Team auch über Korrespondenten. Rund 40 Mitarbeiter, für die die Teilnahme an den Sitzungen in Bonn aufgrund der Entfernung nicht infrage kommt, schicken ihre Texte per Mail oder schalten sich schon einmal telefonisch in die Redaktionskonferenz ein.
Zweieinhalb Stunden wird in der Redaktion einmal pro Woche intensiv gearbeitet. Bragança bringt ihren Kollegen viel Aufmerksamkeit, Respekt und Wohlwollen entgegen, sie legt aber auch Wert auf Konzentration. “Wir sind hier nicht zur Erholung, sondern zum Arbeiten”, weist sie einen der Redakteure, der heute auf träge macht, mit Bestimmtheit zurecht. Karoline Spielberg, die wegen eines Erlebnisses vor ein paar Stunden immer noch so sauer ist, dass sie keinen klaren Gedanken fassen kann, erhält freilich Gelegenheit, sich in Ruhe zu sammeln.
Die Mühe lohnt sich. Paul Spitzeck etwa braucht eine ganze Zeit, bis er sich ins Thema hineingedacht hat. Dann plötzlich platzt der Knoten, und er artikuliert eine pfiffige Assoziation nach der anderen.
“Menschen mit Down-Syndrom haben viele Talente”, betont Bragança. “Und eines von ihnen ist, dass sie in wunderbaren Worten ihre persönlichen Eindrücke von unserer Welt zu Papier bringen können. Sie machen sehr emotionale und ungewöhnlich witzige Beobachtungen, für die Menschen ohne Behinderung oft leider blind sind.” Schon der Name “Ohrenkuss” zeugt von beeindruckendem Scharfsinn. Als Redakteur Michael Häger 1998 Bragança einen Kuss aufs Ohr gab, riefen die Kollegen spontan “Ohrenkuss” und hatten kurz darauf auch eine wunderbare Erklärung für dieses Wort parat: “Ein Ohrenkuss ist etwas, das man sich merkt, das nicht wie so vieles andere zum einen Ohr rein und zum anderen gleich wieder hinausgeht.” In der “Downtown-Werkstatt”, wie die Redaktion offiziell heißt, wurde zum Thema Liebe formuliert: “Die Liebe ist Schokoladeneis, Vanille und Erdbeere mit Sahne.” Und Tobias Wolf schrieb einmal: “Ein Reh, das ist eine Seele mit vier Beinen.”
So vielfältig wie das Leben selbst sind auch die Themen des “Ohrenkuss”-Teams. Wobei man nicht alles im stillen Bonner Kämmerlein ausheckt. Wie Berufsjournalisten recherchieren die Redakteure auch auf Außenterminen. So statteten sie der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar ebenso einen Besuch ab wie dem ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald. Eine Woche lang gastierten sie in der Redaktion der Schweizer Zeitung “Tagesanzeiger” und verfassten Reportagen aus Zürich, beschrieben etwa das muntere Treiben im Café Sprüngli. Einige Redakteure tragen ihre Texte bei öffentlichen Lesungen vor, zuletzt auf der “Little cologne”. Und der spektakulärste Einsatz war der Flug einiger Redaktionsmitglieder in die Mongolei. Eine Rundreise mit Schlafen in der Jurte, Bogenschießen und Steppendisco. Und die Einheimischen hätten herzlich gelacht, als sie von den deutschen Besuchern darüber informiert wurden, dass Down-Menschen wegen ihres Aussehens früher einmal mongoloid genannt wurden . . .

Katja Bragança investiert ungeheure Energie in ihr Projekt, das ansprechende Bilder von Menschen mit Down-Syndrom zeigen und Vorurteile abbauen soll. Besonders gefreut haben sich die Bonner, dass “Ohrenkuss” den Eltern von Kindern mit Down-Syndrom Mut macht. Eine Leserin, die ein Kind mit Trisomie 21 bekommen hatte, schrieb an die Redaktion: “Es war für uns ein ziemlicher Schock, mittlerweile ist das Leben aber sehr schön geworden. Ich wollte euch einmal loben für die wundervolle Seite. Es gibt mir viel Kraft zu sehen, was aus meiner Tochter alles werden kann.”