Presse

Kölner Stadt-Anzeiger

Ausgabe vom 3. November 2008

Ohrenküsse statt Mohrenküsse

15.000 Euro für ein ganz ehrliches Wörterbuch. Eine Lesung aus dem Ohrenkuss-Wörterbuch von Menschen mit Down-Syndrom brachte ungeschminkte Wahrheiten – und die Erkenntnis, dass Wiglaf Droste “es geht so” ist.

Von Madeleine Gullert

Wiglaf Droste las aus “Ohrenkuss”.

Innenstadt – “Ein Reh ist eine Seele mit vier Beinen” oder aber “Dick – ist hässlich. Mag ich nicht. Auf Figur achten” – diese Definitionen für “Seele” und “schlank” sind treffend und schonungslos ehrlich. Zu finden sind sie in dem “Ohrenkuss-Wörterbuch”, das Texte von Menschen mit Down Syndrom enthält.

Die Geschäftsführerinnen Dr. Bärbel Peschka und Dr. Katja de Bragança hatten den Ohrenkuss ursprünglich als Forschungsprojekt der Uni Bonn begonnen, um einen Einblick in die Welt der Wahrnehmung von Menschen mit Down Syndrom zu bekommen. Zehn Jahre später sind sie stolz auf 20 Ohrenkuss-Magazine und das kürzlich erschienene Wörterbuch mit Einträgen von A wie ABC über Benjamin Blümchen, Tokio Hotel, Sex bis Z wie Zusammenspiel. Damit noch viele weitere Ohrenküsse folgen können, spendete Dirk Albers im Namen des IT-Unternehmens ICW in Köln 15.000 Euro an das “charmante Projekt mit Strahlkraft”.

Vorgestellt wurde das Wörterbuch in einer Lesung im Freien Werkstatt Theater. Angela Fritzen ist eine Autorin mit Down Syndrom, sie begrüßt das Publikum und kündigt “coole Texte” von ihr und ihren Kollegen an. Einer von ihnen ist Julian Göpel. Als er seine Definition zu “Frauen” vorliest, dabei lässig die Beine überschlägt und verschmitzt grinst, hat er das Publikum für sich gewonnen. Die beiden Autoren gehören zu den 14 ständigen Ohrenkuss-Redakteuren in Bonn, aber es gibt auch Außenkorrespondenten, die nicht in Bonn sind, aber trotzdem für den Ohrenkuss schreiben. Einer von ihnen ist Martin Weser, der im Westerwald lebt. Als er über die Liebe und über das Lesen liest, ist das Publikum begeistert, besonders Mutter Brunhilde Weser. “Ich bin sehr stolz auf ihn, dass er selber lesen und schreiben kann”, erklärt sie und fügt hinzu: “Was die Menschen hier schreiben, ist ehrlich. Sie denken nicht darüber nach wie das schön klingen könnte. Es ist einfach die Wahrheit.”

An diese Meinung konnte sich der Journalist und Autor Wiglaf Droste, der als Gast mit auf der Bühne stand, nur anschließen. “Das Buch gefällt mir außerordentlich gut. Solch eine Ehrlichkeit ist heute kaum zu finden”, weiß Droste. Die Ohrenkuss-Redaktion hatte in vor einiger Zeit interviewt und deshalb ist auch ein Eintrag über ihn in dem Wörterbuch zu finden, den er natürlich laut vorliest. “Wiglaf Droste – Ja also, wenn ich ihn mir so anschaue... es geht so, ist nicht so mein Geschmack, aber seine Antworten waren korrekt.”

Droste lobt die “heucheleifreie Zone” bei den Autoren mit Down Syndrom. Eines seiner Lieblingsdefinitionen ist jenes zu dem begriff “Bilderbuch”, das mit den Worten endet “Wenn ich Bilder will, gucke ich Fernsehen.” Für die Erkenntnis über Lesen und Bilder habe Marcel Reich-Ranicki Jahre gebraucht, scherzt Droste. Sein Geschenk an die Ohrenkuss-Redaktion ist ein Gedicht, das auf dem Cover des Wörterbuchs zu finden ist. “... denn es gibt noch Hochgenüsse. Also wählt man das, was schmeckt, beispielsweise Mohrenküsse. Das sei politisch nicht korrekt? Macht doch nichts – nimm Ohrenküsse!”