Thema: Schreiben

No 19/2007

Themen in diesem Heft:

Hermine Fraas und Ralf Sotscheck

Ralf Sotscheck, Journalist und Schriftsteller, seit 1985 taz-Korrespondent in Dublin, Irland, seit 1988 auch für Großbritannien zuständig.

Hermine Fraas an Ralf Sotscheck, Ilmenau, 30.4.2007
Hallo, Ralf!
Ralf gefällt mir. Da kenne ich viele, die ich leiden kann. Katja schreibt dass du in Irland wohnst. Das kenne ich nicht. Zu DDR Zeiten war Scheiße dass wir nicht nach dem Westen reisen durften .Aber meine Mutter ist mit meiner Schwester und mir nach dem Osten gefahren. Da bin ich froh dass ich weiß wie die Menschen dort leben. Denen geht es schlechter als bei uns.
Ich bin 52 Jahre alt und habe das Down-Syndrom. Ich kann aber gut schreiben und lesen aber nicht so gut wie du. Ich bin auch in einer Theatergruppe und in der Trommelgruppe im Lebenshilfehaus Daniela. Da wohne ich. Zum Wochenende bin ich oft bei meiner Mutter. Morgen ist 1. Mai. Das ist der Kampftag der Werktätigen. Das kann ich aber nicht erklären. Aber da sind wir marschiert und wir haben dann gefeiert und eine Bratwurst gegessen. Damals hatten alle Arbeit. Jetzt gibt es keinen großen Umzug mehr. Ich war damals Hilfsarbeiterin in dem VEB Thermos in der geschütztn Betriebsabteilung. Aber die Thermos gibt es nicht mehr. Sogar die Fabrik haben sie abgerissen. Vile Arbeiter sind arbeitslos. Damals gab es auch faule Arbeiter. Aber die wurden nicht entlassen. Jetzt bin ich in der Behindertenwerkstatt der Lebenshilfe- Früher gehörten die Behinderteneinrichtungen alle zum Staatlichen Gesundheitswesen.
Ich habe so über den Artikel “Krankenschwestern vermöbeln ist verboten” von dir gelacht. Ich begegne auch Besoffenen. Einmal hat mir einer geholfen. Da haben mich Kinder ausgelacht. Da hat er die verjagt. Das Gesundheitswesen war in der DDR besser. Da gab es keine Unterschiede bei den Kranken. Aber die Einrichtungen waren nicht so modern und manchmal hat auch Medizin gefehlt.Aber das musste alles geändert werden. Und jetzt wollen sie wieder Polikliniken einführen. Das wollte die Hildebrandt gleich nach der Wende erhalten. Das ging nicht. Meine Mutter hat mir jetzt erst erklärt was Privatpatienten sind. Bei uns werden die Ärtze knapp und es kommen keine gern in den Osten weil hier die Ärtzte schlechter bezahlt werden. Damals in der DDR haben sie Gehalt gehabt. Da ging es nicht so um das Geld. Und als ich Kind war kam der Kinderartzt immer zum Hausbesuch bei Tag und Nacht. Den habe ich gern gehabt. Jetzt habe ich auch mit der Ärtztin noch Glück. Sie war die Freundin meiner Schwester und hat mich auch gern und behandelt mich wenn ich krank bin. Da schreibt sie mich auch lange genug krank, weil ich Kreislaufstörungen habe und bei Fieber umfalle. Das ist neulich erst wieder passiert.
Auf Wiedersehen. Ich hab keine Lust mehr. Aber kannst mich ja mal was fragen dann weiß ich was ich schreiben soll
Hermine

Ralf an Hermine, Dublin, 28.8.2007
Liebe Hermine,
Vielen Dank für Deinen Brief – und entschuldige bitte, dass Du auf meine Antwort so lange warten musstest. Ich könnte behaupten, dass ich viel beschäftigt war, aber es lag vor allem an meiner Faulheit.
Es freut mich, dass Dir mein Name gefällt. Ich bin aber froh, dass ich nicht in den Vereinigten Staaten von Amerika lebe, denn dort gilt Ralph – sie schreiben den Namen dort mit “ph” – als etwas vertrottelt. Kennst Du den Musiker Frank Zappa? Er hat seinen Sohn Dweezil (spricht man wie “Wiesel”, aber mit “D” davor) getauft. Als ihn jemand fragte, warum er seinen Sohn mit solch einem merkwürdigen Namen gestraft habe, antwortete Zappa: Es könnte schlimmer sein. Ich hätte ihn auch Ralph nennen können. Kennst Du die Zeichentrickserie “Simpsons”? Dort heißt der trottelige Sohn des Polizisten auch Ralph. Aber es hätte noch viel schlimmer sein können: Der große Westernheld John Wayne ist von seinen Eltern “Marion” getauft worden.
In Irland gibt es auch komische Namen. Der Musiker Bob Geldof, der die Wohltätigkeitskonzerte für Afrika organisiert hat, gab seinen drei Kindern die Namen Fiffi Trixibelle, Peaches Honeyblossom und Little Fluffy Cloud. Ich möchte nicht “Kleine flauschige Wolke” heißen. Das glaubt kein Polizist, wenn man bei einer Verkehrskontrolle angehalten wird. Mit dem Namen Hermine hast Du es leichter, es ist ein schöner Name. Zu mir würde er allerdings nicht passen. Höchstens Herminius.
Ich bin ein Jahr älter als Du. Ich lebe seit fast 23 Jahren in Dublin in Irland. Meine Kinder heißen Fionn und Ciara, meine Frau heißt Áine. Ihre Nichte hat auch das Down-Syndrom, aber sie kann nicht so gut lesen und schreiben wie Du. Sie heißt Martina, ist 40 Jahre alt und wohnt in einem kleinen Dorf. Zur Zeit ist sie sehr traurig, weil ihre Mutter vorigen Monat gestorben ist. Jetzt kümmert sich ihre ältere Schwester um sie. Zum Glück wohnt sie in demselben Haus, in dem auch die Mutter gewohnt hat, so dass Martina wenigstens nicht umziehen muss.
Du warst noch nie in Irland? Es ist eine schöne Insel, aber es regnet sehr viel. Deshalb ist das Land so grün. Man sagt, dass es 40 verschiedene Grüntöne in Irland gibt.

Tschüss, Hermine. Viele Grüße,
Ralf

Fortsetzung des Briefwechsels