Thema: Schreiben

No 19/2007

Themen in diesem Heft:

Buchenwald, Baracke 38

Die Autorinnen Angela Fritzen, Svenja Giesler, Christiane Grieb, Verena Günnel und Veronika Hammel befinden sich in der Gedenkstätte Buchenwald an der Stelle der ursprünglichen Baracke 38. Sie lesen und besprechen den 1939 geschriebenen Brief des KZ-Häftlings Hasso Grabner an seine Familie.

Sie diktieren:

Svenja Giesler
Der Titel: “Irgendwann komme ich wieder raus.”
Christiane Grieb
Es geht um einen privaten Liebesbrief.
Veronika Hammel
Der Hasso hat den Brief geschrieben.
Angela Fritzen
Das war 1939, den 8. Oktober. Er war sieben Jahre in dem Gefängnis oder im Lager. Der Hasso in der Gefängnis oder im Lager, da hat er geschrieben für seiner Frau und sein Sohn. Der Hasso hat mit dem schwarzen Füller geschrieben.
Christiane Grieb
Er durfte nur zwei Briefe bekommen im Monat.
Verena Günnel
Der Hasso wollte unbedingt zwei Briefe zu schicken.
Christiane Grieb
Er darf nur zwei Briefe schreiben. Die Treue von ihm zu seiner Frau, dass er sie nicht vergisst im Herzen und seinen Sohn.
Veronika Hammel
Da war er noch ein Schulkind, der Bernd. Hasso ist der Vater vom Sohn.
Christiane Grieb
Er wohnte in der Baracke 38.

I know, I want to go home

Tobias Wolf diktiert seinen Eindruck und seine Übersetzung eines Briefes des US-Soldaten John an seine Freundin Sue anläßlich der Befreiung von Buchenwald.

Am Anfang fängt es an mit den Opfern. Das war in der Zeit von 45. Damals wurden die Leute in dieser Opferstätte geopfert. Ich weiß, das war eine schreckliche Zeit mit 45. Ich weiß, das war eine schreckliche Zeit. In dem Text hat er beschrieben, wie die Stätte ausgesehen hat. Mit den verschiedenen Geräten, wie die das damals in der schrecklichen Zeit gemacht wurde. 45 war im Jahr 2005 genau 60 Jahre. Seine Freundin heißt Sue und ihr Mann hieß John. Der Mann John war ein Soldat aus den Vereinigten Staaten aus Amerika. Wahrscheinlich hat er mit dem Brief handgeschrieben, weil man früher noch keine Computer hatte. Als er den Brief geschrieben hat, war er in Deutschland. Wahrscheinlich als die Amerikaner nach dem 2. Weltkrieg die Brief nach Amerika mit den Schiffen für sie ausgeliefert haben, weil es damals noch keine Post gab. Ich finde den Brief sehr gut, aber man kann verstehen, dass es damals eine schreckliche Zeit mit 45 war. Aber jetzt gibt es die Wiedervereinigung und auch den Fall mit der Mauer, das war 89. Ich finde den Text sehr klasse, wie die Amerikaner damals 45 schreiben konnten. Wo hast Du den Brief denn gefunden? Katja: Wir haben eine Kopie des Briefes von Herrn Rikola Lüttgenau bekommen. Er arbeitet heute in der Gedenkstätte Buchenwald. Da er wusste, dass Ohrenkuss an dem Thema “Schreiben” arbeitet, hat er sich gedacht, dass es interessant sein könnte, wenn Ihr diesen Brief zu lesen bekommt. Tobias: Und wo hat er den Brief gefunden, in welchem Archiv? Katja: Das weiß ich nicht genau, das ist eine gute Frage. Ich werde Herrn Lüttgenau fragen. Rikola Lüttgenau: Wir haben den Brief sehr “frisch” bekommen. Und zwar von seinem Sohn. Den Kontakt hatten wir zu ihm aufgenommen, da wir recherchiert haben, dass sein Vater im 166. Signal Corps gedient und fotografiert hat. Tobias: Jetzt diktiere ich den Brief von 45. Der Brief ist auf Englisch, ich diktiere jetzt auf Deutsch.

John to Sue, somewher ein Germany, April 1945

Rikola Lüttgenau: “Somewhere in Germany” bedeutet übrigens nicht, dass er nicht weiß wo er ist, sondern den Soldaten ist es im Krieg verboten, den Standort ihrer Einheit zu notieren, falls die Briefe vom Feind mal abgefangen werden.

TobiaJohn an Sue

Sue, süßes Herz,
ich habe Dir letzte Nacht einen Brief geschrieben. Ich war nicht sicher wegen des Datums, ich habe ein Platz stehen lassen. Ich habe den Tag vergessen, ich habe den Brief abgeschickt ohne den Tag. Heute ist der Tag der 28. Ich war heute drinnen in ein Konzentrationslager von den Nazis. Mir ist es schlecht geworden, wie ein starker Mann, der damals gelebt hat. Das ist wirklich gewesen, dass Du mir wirklich glaubst. Ich habe gesehen, ich habe gerochen und ich habe mit Männern geredet, die in der Hölle gelebt haben für fünf Jahre. Ich habe ein Zimmer mit Verbrennungsöfen gesehen. 50.000 Körper die verbrannt worden sind in fünf Jahren. Ja, das war ein Gebäude, wurde gebaut für Mörder. Ich bin in ein Raum gegangen, wo eine ganze Reihe von Ofen standen, das waren große Ofen wie ein großer Hausboiler in großen Häusern. Auf einer Seite war ein Aufzug, der ging runter zum Kellerboden. Ein großes Keller mit Boden und Wänden mit Zement, ein gutes Licht. Der Mann, der uns führte, er war ein Gefangener in diesem Konzentrationslager. Der Mann hat gesagt, das war der Todesraum. Entlang an der ganzen Wand hingen die Eisenaufhänger. Die Opfer waren mit den Drahtschlingen gehängt. Sie haben sie immer auf den Kopf geschlagen, sie wurden dann geschlagen, um zu wissen, dass die nicht überleben. Auch Leute, die in der Politik waren, wurden genauso dort hingerichtet, mit Leuten aus der ganzen Welt und auch Leute aus Deutschland. Auch mit Männer, Frauen und Kinder. Der Mann sagte, bis vor die Amerikaner kamen, er hatte einen Lastwagen gesehen, mit Frauen und Mädchen. Und sie waren aus Deutschland, aber er wusste das nicht genau, die wurden da in diesen Raum gebracht. Die SS-Leute haben die Häftlinge geschlagen, die wurden erschossen. Oder sie wurden auch mit Spritzen hingerichtet. In dem Garten habe ich gesehen, waren vier Meter hohe Berge von Skeletten und auch von Knochen. Da war noch ein Körper, der noch nicht richtig verbrannt war. In einen Raum hat man gruselige Souveniere gesehen. Von der Frau von dem Lagerkommandanten wurden sie gesammelt. Mit Haut und Tatoos. Wenn sie ein Tatoo gesehen hat von den ganzen Häftlingen, hat sie die Häute mit den Tatoos gekriegt. Sie hat Lampenschirme drausgemacht und sie hat Bücher verpackt. Ich habe das gesehen. Das ist alles schwer um so was zusagen, was ich gefühlt habe. Als ich das gesehen habe, das hat mir krank gemacht. Ich habe schreckliche Sachen gesehen. Das war das Schrecklichste, was ich gesehen habe und so was nicht mehr wieder zu sehen. Ich weiß, ich möchte wieder nach Hause.
Ich mag nicht in ein Land sein, wo so was passiert. Das irgendetwas mit der Welt los ist, dass so was passiert, dass so was passieren kann in einem Land stolz auf Kultur und die Menschheit.
I love you, ich liebe Dich Sue, mit meinem ganzen Herz ich liebe Dich. Ich möchte weg von alles, wieder zurück zu Dir. Ich möchte es vergessen.
Ich möchte es vergessen.
John